Von Rudolf Walter Leonhardt

Wir hatten vor einigen Wochen eine lehrreiche Auseinandersetzung mit den Professoren der Germanistik. Unter anderem ging es dabei auch um die Frage: Was ist gutes Deutsch?

Der Berliner Ordinarius beantwortete die klare und sehr vereinfachte Frage klar und sehr vereinfacht so: Gutes Deutsch ist jene deutliche, knappe, präzise Art sich auszudrücken, die jeder Briefträger versteht.

Wenn in dieser Antwort mehr liegen sollte als die Sehnsucht komplizierten Denkens nach dem einfachen Leben, dann müßte sie Anlaß geben zu vielen neuen Fragen – zum Beispiel auch zu dieser: Warum gilt Erich Kästner dann nicht unbestritten als großer deutscher Schriftsteller?

Falls es nur daran läge, daß er noch nicht tot ist, dann wäre freilich zu wünschen, besonders jetzt anläßlich seines sechzigsten Geburtstages zu wünschen, daß er noch auf lange Zeit hinaus nicht als oberseminar-würdiger Autor gelten möge. Er wird sich schließlich mit einem Prädikat begnügen, das für den Lebenden gewisse ausgleichende Annehmlichkeiten mit sich bringt: einer der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller zu sein.

Wohlgemerkt: ich bin keineswegs sicher, ob Kästner wirklich ein "großer" Schriftsteller ist. Er selber war es schließlich, der uns gelehrt hat, mancherlei "Größe" skeptisch zu betrachten und mit großen Worten sparsam umzugehen. Aber eines weiß ich: Wenn jemals jemand in künftigen Jahrhunderten noch Lust verspüren sollte, unser Zeitalter zu besichtigen – er müßte lange suchen, bis er irgendwo greifbarere Anhaltspunkte dafür fände als im Werk von Erich Kästner.

Dieses Werk ist nun – provisorisch, hofft man, und noch längst nicht im letztgültigen Umgang – geschlossen herausgebracht worden als "Gesammelte Schriften in sieben Bänden" (I Gedichte, II / III Romane, IV Studie, V Vermischte Beiträge, VI / VII Romane für Kinder); eine Gemeinschaftsausgabe der Verlage Cecilie Dressler, Berlin – Atrium, Zürich – Kiepenheuer & Witsch, Köln; zusammen 3156 S., 110,- DM.