Preussag-Aktien auf Vorschuß?

Mein Betrieb hat die Absicht, allen Angestellten und Arbeitern, die unter 16 000 DM Jahreseinkommen haben, den Erwerb von Preussag-Aktien durch Gewährung entsprechender Lohn- und Gehaltsvorschüsse zu erleichtern. Die Gelder sollen zinslos gewährt und innerhalb eines Jahres zurückgezahlt werden. Ist es nach Ihrer Ansicht zweckmäßig, von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen? K. J., Detmold

Antwort: Ihre Frage läßt sich nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten. Bei der Preussag-Aktion handelt es sich um eine Maßnahme mit sozialpolitischem Einschlag, die den einzelnen Interessenten nicht der Pflicht enthebt, zu prüfen, inwieweit für ihn selbst der Besitz von Preussag-Aktien die richtige Geldanlage darstellt. Wer verantwortungsbewußt denkt, wird einsehen müssen, daß das Sparen nicht mit dem Kauf von Aktien (sie sind ausgesprochene Risikopapiere!) beginnen, sondern damit aufhören soll. Es gibt zwar kein allgemein gültiges Sparrezept, doch hat es sich immer als gut erwiesen, mit dem Kontensparen anzufangen. Über diese Beträge kann man bei Bedarf sofort (bis zu 1000 DM je Sparbuch) verfügen. Man läuft kein Kursrisiko und hat keinerlei Spesen. Hat das Sparpolster eine gewisse Dicke erreicht, ist – vornehmlich aus Zinsgründen – der Erwerb eines festverzinslichen Wertpapiers geboten. Erst danach sollte an den Kauf von Aktien gedacht werden. Dieses Drei-Stufen-System (ergänzt durch Investment-Zertifikate) ist deshalb berechtigt, weil es verhindert, daß jemand bei plötzlich auftretendem Geldbedarf gezwungen wird, Aktien zu einem Zeitpunkt zu veräußern, an dem sie – aus irgendwelchen Gründen – gerade sehr niedrig im Kurs stehen, so daß Verluste in Kauf genommen werden müssen. Wer in Aktien spart, muß langfristig disponieren können und Zeit haben, auch Schwächeperioden durchstehen zu können.

Diese Grundsätze sollten auch beim Erwerb von Preussag-Aktien weitgehend beachtet werden, wenngleich einzuräumen ist, daß hier die normalen Anlageüberlegungen durch die besonderen Bedingungen der Ausgabe etwas über den Haufen geworfen werden. In unserem "Gespräch am Bankschalter" in der vorigen Ausgabe ("Die Preussag-Aktien werden nicht verschenkt!") wurde die Vermutung ausgesprochen, daß die Bundesregierung vermutlich bestrebt sein wird, den Kurs der Preussag-Aktien zu pflegen und daneben die Dividende möglichst konstant zu halten. Damit wäre das Risiko erheblich vermindert. Allerdings sind diese Hoffnungen reine Spekulationen, denn von einer Verpflichtung der Bundesregierung kann keine Rede sein. Es spricht auch vieles dafür, daß der Kurs nach Ausgabe der Aktien steigen wird. Aber dafür gibt es ebenfalls keinen Garantieschein. In jedem Falle muß der Erwerber der Preussag-Aktie wissen, daß er ein Risiko eingeht.

Nun zurück zu Ihrer Frage. Ohne Zweifel ist es eine gute Geste Ihres Betriebes, wenn er die Anschaffung von Preussag-Aktien erleichtern will. Wer bereits über einige Ersparnisse verfügt und bislang noch nicht den Mut zum Aktiensparen gefunden hat, sollte von der gebotenen Möglichkeit ruhig einmal Gebrauch machen. Ausdrücklich zu warnen ist jedoch vor der Absicht, das Sparen mit einem Betriebsvorschuß (über Preussag-Aktien) überhaupt beginnen zu wollen. Dieser Weg führt zwangsläufig zu Enttäuschungen.

Zum Schluß noch ein Wort zu der vielfach geäußerten Absicht, über den "billigen" Kauf von Preussag-Aktien und deren Verkauf (sobald ihr Kurs um einige Punkte gestiegen ist) zu einem raschen Spekulationsgewinn zu kommen. Mit dieser Möglichkeit "spekulieren" sehr viele Leute. Wer über ausreichend flüssige Mittel verfügt, bietet jetzt schon die "arme Verwandtschaft" auf, um möglichst viele Preussag-Aktien in die Hand zu bekommen. Das läßt sich mit bürokratischen Maßnahmen nicht verhindern. Eines ist aber sicher: wenn viele Leute an der Börse das gleiche wollen, geht die Rechnung mit Sicherheit nicht auf – oder wenigstens nicht sehr schnell. Nimmt also jemand einen Vorschuß in Anspruch, um damit einen raschen Spekulationsgewinn zu erzielen, dann muß er damit rechnen, daß er unter Umständen längere Zeit auf seinen Preussag-Aktien sitzenbleiben wird, ehe er sie mit Gewinn veräußern kann. Also auch hier Spekulation...