Von Josef Müller-Marein

Auf dreifache Weise hat Gustaf Gründgens seinen Namen in die Theatergeschichte eingetragen: als Schauspieler, als Regisseur, als Intendant. Und dürfte er sich wünschen, in welcher Eigenschaft er den stärksten Nachruhm haben möchte, so würde er gewiß antworten: In der des Darstellers.

Dem Mimen wird die Nachwelt auch im Falle Gustaf Gründgens die schönsten Kränze flechten, dem Darsteller, der vor gleich großen Künstlern der Theatergeschichte immerhin dies noch voraus hat: daß Film und Schallplatte seine Gestalt und Stimme im Abglanz und im Echo festhalten werden. Hier aber soll von dem Intendanten Gründgens die Rede sein. Es sind nämlich 25 Jahre vergangen, seit er in Berlin auf den Posten des Prinzipals gestellt wurde, den er heute in Hamburg innehat.

Berlin 1934 – eine böse, verrückte Zeit. Viele Persönlichkeiten, die sich die größten Verdienste um das deutsche Theater erworben hatten, machten Emporkömmlingen Platz, deren Namen heute längst verblaßt sind. Gustaf Gründgens war 35 Jahre alt, als er in dieser Zeit an die Spitze des Preußischen Staatstheaters berufen wurde.

Es ist die Sprache, in der sich der Geist eines Volkes ausprägt. Goebbels, der Bücherverbrenner, hatte den Geist, der ihm nicht paßte, den Scheiterhaufen übergeben – ringsum eine grölende Menschenmenge. Aber kühl und abweisend standen die klassizistischen Säulen des Hauses am Gendarmenmarkt, wo jetzt Gründgens als preußischer Theaterleiter regierte, der Rheinländer, der Zögling der Louise Dumont in Düsseldorf, der Schüler Erich Ziegeis in Hamburg, den Max Reinhardt nach Berlin geholt hatte.

Freilich, die großen künstlerischen Leistungen dieses Hauses, die nicht nachließen, ja, eher noch gesteigert wurden, trugen wohl das Merkmal des Musealen. Wie hätte es auch anders sein sollen? Und wenn ein Museum auch nicht gerade eine Burg des Widerstandes sein kann, so ist doch so viel richtig: daß die Sprache gehütet und der ihr innewohnende Geist bewahrt wurde. Gründgens, bisher prominenter Schauspieler, Prototyp des Eleganten oder des intellektuell Dämonischen, der sowohl über den Elan verfügte, hell und heldisch aufzulodern, als auch über den Mut, unterkühlt zu erstarren, Gründgens, dem schließlich alles Spiel so wichtig war, daß ihm die Operette nicht fremd blieb und nicht das Kabarett – zeigte als Intendant des berühmten Hauses ganz neue Begabungen.

Göring, der den Glanz seiner "Schirmherrschaft" über das Preußische Staatstheater wie einen unsichtbaren Purpurmantel trug, hatte in "seinem" Intendanten offensichtlich nur den prominenten Künstler gefordert, hatte nur das Aushängeschild gesehen. In Wirklichkeit entfaltete sich Gründgens in nie geahnter Weise. War er schweigsam wie ein Geheimrat, so gewann er doch ein geradezu brüderliches Vertrauen seiner Kollegen; schien er glatt wie ein Aal und schillernd wie ein Paradiesvogel, so erwies er sich im tiefsten Grunde als ein Mann von festem Charakter. Er hat vielen, sehr vielen geholfen, die in Bedrängnis geraten waren; er hat den besten und sensibelsten Kräften die Möglichkeit bewahrt – die äußere und innere Möglichkeit –, ihrer künstlerischen Aufgabe treu zu bleiben, und er hat dabei nicht gefragt, ob es ihn selbst gefährde oder ob es ihm jemals gedankt würde.