Die Würfel sind nun endgültig gefallen. Der Welt "schnellster" und "bester" Abfangjäger wird für die junge deutsche Luftwaffe gerade gut genug sein. Es ist die von der amerikanischen Firma Lockheed gebaute "Starfighter F 104", die vom Bundesverteidigungsministerium freilich schon vor Monaten als würdig erwählt wurde, künftig – wenigstens für die nächsten sechs bis sieben Jahre – die Grundlage der deutschen Jagdabwehr darzustellen. Die Kaufverträge für dieses tatsächlich phänomenale Flugzeug – es hält zur Zeit noch den offiziellen Geschwindigkeits- und Höhenweltrekord (in einer Minute soll es eine Höhe von 10 000 m erreichen) – sind nun endlich formuliert, ebenso die notwendigen Lizenzverträge für den Nachbau in der Bundesrepublik. Wenn auch in den zuständigen Parlamentsausschüssen über die Entscheidung des Bundesverteidigungsministers zugunsten der Starfighter F 104 noch einige heftige Auseinandersetzungen zu erwarten sind, so kann doch kein Zweifel mehr darüber bestehen, daß die ersten 30 Maschinen dieses Typs spätestens zum Jahresende in der Bundesrepublik eintreffen werden. In dem Rennen um die Gunst des Bundesverteidigungsministeriums sind die französische "Mirage III A" und die amerikanische "Super Tiger F 11 F 1" endgültig abgeschlagen.

Obwohl also Art und auch Umfang der deutschen Luftbewaffnung schon lange feststehen, schlugen dieser Tage in der Öffentlichkeit nochmals hohe Wellen der Erregung auf. Weniger die verteidigungspolitische, als vielmehr die rüstungswirtschaftliche Seite der Starfighter-Entscheidung bewegte plötzlich die Gemüter – vornehmlich auch im Bonner Bundeshaus. Reichlich spät, so will es uns scheinen, sah man allenthalben auch die wirtschaftspolitische Bedeutung des Problems.

Bundeswirtschaftsminister Professor Erhard hatte schon im Herbst des letzten Jahres gewarnt, als ihm die Pläne seines Kollegen Strauß bekannt wurden, nicht weniger als 200 oder gar 300 Starfighter im Lizenzbau von der deutschen Flugzeuggruppe Süd (Heinkel, Messerschmitt, Dornier) herstellen zu lassen. Professor Erhard, in dessen Kompetenzbereich alle mit Lizenznachbauten zusammenhängenden wirtschaftlichen Fragen liegen, fühlte sich von diesen Nachbauabsichten auch insofern brüskiert, als er erst ziemlich spät zu Rate gezogen wurde. Jetzt hat Bundeswirtschaftsminister Professor Erhard in seinen Bemühungen wenigstens einen Teilerfolg buchen können, da ihm vom Haushaltausschuß des Bundestages aufgetragen wurde, in einem bis Ende März vorzulegenden Bericht die rüstungswirtschaftlichen und letztlich auch wirtschaftspolitischen Auswirkungen des Lizenzbaues des Starfighters in der Bundesrepublik zu durchleuchten.

Professor Erhard hat gewiß gute Gründe, dem Aufbau einer deutschen Rüstungsindustrie größeren Stils, denn darauf liefe das Straußsche Nachbauprojekt hinaus, mit großer Skepsis entgegenzusehen. Nichts ist gewiß dagegen einzuwenden, daß die im Aufbau befindliche deutsche Luftfahrtindustrie die Chance eines Milliardenauftrags um jeden Preis wahrzunehmen bestrebt ist. Niemand verübelt es ihr, wenn die Industrie gleichzeitig kräftige Finanzierungshilfen für die Durchführung der notwendigen Investitionen wünscht, um einen solchen Auftragüberhaupt erst durchführen zu können.

Und hier liegt der Hase im Pfeffer: Kann es gesamtwirtschaftlich vertretbar sein, mit einem hohen Millionenaufwand eine leistungsfähige Luftfahrtindustrie aufzubauen, für die vorerst ein einziger Großauftrag gesichert ist? Kann das Bundesverteidigungsministerium wirklich garantieren, daß nach Abwicklung des Starfighter-Auftrags die neu installierten Kapazitäten weiterhin ausgenutzt werden? Gewiß, Wartungs- und Reparaturaufgaben werden immer anfallen; besteht aber nicht tatsächlich die große Gefahr, jetzt einen neuen Industriezweig mit staatlichen Geldern’ und Aufträgen hochzuzüchten, der nur gar zu bald in laute Rufe nach staatlichen Subventionen ausbrechen könnte, wenn die Aufträge weniger reichlich fließen?

Ausländische Beispiele schrecken hier sehr. In vielen Ländern existieren überdimensionierte Luftfahrtindustrien, die mit Hilfe beträchtlicher Staatshilfen durchgehalten werden müssen. Der Bundeswirtschaftsminister wird gut daran tun, das hier auftauchende Kapazitätsproblem sorgsam zu durchdenken, bevor er in seinem dem Parlament zu erstattenden Bericht eine schlüssige Aussage darüber trifft, ob die rüstungswirtschaftlichen Größenordnungen bezüglich des Starfighter-Lizenzbaues nicht zu hoch angesetzt wurden.

Der Bundeswirtschaftsminister wird um so mehr auf ein abgewogenes Urteil in der Starfighter-Angelegenheit bedacht sein müssen, als er hier unter Umständen für den Aufbau weiterer Rüstungsindustrien in der Bundesrepublik Präzedenzfälle schaffen könnte. Bisher sind Aufträge auf sogenannte "harte Waren" fast ausschließlich in das Ausland vergeben worden, wenn man einmal von einigen hundert Schützenpanzern absieht, die – ebenfalls im Lizenzbau – von deutschen Firmen (Henschel und Hanomag) produziert werden. Aber für die Durchführung dieser Produktion waren kaum umfangreiche Neuinvestitionen und staatliche Investitionsspritzen erforderlich. Vielmehr konnten mit diesen Aufträgen brachliegende Kapazitäten in der Nutzfahrzeugindustrie genutzt werden, ein volkswirtschaftlich gesehen durchaus sinnvoller Weg.