Irgendwann gegen Ende des letzten Krieges, als mein Schiff in Neapel festlag (ich glaube, ein Draht hatte die Schiffsschraube blockiert, oder ein Filter war verdreckt — wenn ich nicht ein handfestes Loch im Bug sehen konnte, wußte ich nie, warum mein Schiff irgendwo aufgehalten wurde), gab mir ein befreundeter Schauspieler, der auch in diesem Gebiet eingesetzt war, Carys Roman "Des Pudels Kern" zu lesen. Er selbst hatte es gerade mit großer Begeisterung verschlungen, und da Bücher zu jener Zeit und in jener Gegend Seltenheitswert hatten, nahm ich sein Geschenk erfreut an.

Ich hatte vorher noch nichts von Joyce Cary gelesen und malte mir einige faule und erholsame Stunden aus, im Hintergrund die Geräusche vom Schweißen, Hämmern, Malen und Schrubben der Mannschaft, das Gerenne auf den widerhallenden Eisendecks meines einsamen kleinen Kreuzers. Nach ungefähr einem Dutzend Seiten klappte ich das Buch gelangweilt zu.

Am Anfang hatte ich gedacht: "Ah, ich bin weit weg von Neapel, Londoner Novemberstimmung, Heimweh. Der graue Fluß, der Nebel, Dickenssche Gestalten tauchen auf Aber das Farbgeflimmer, das Cary vor meinen Augen schillern ließ (ein Mensch, der zwei Jahre lang am Mittelmeer war, kann Farben nicht mehr ertragen und sehnt sich nach der graugrünen Linie der Hügelketten von Sussex), zusammen mit den kurzen und trotzdem komplizierten Sätzen, die Spaße in diesem Buch, all das machte mich nervös, um nicht zu sagen schlecht gelaunt. Das Buch konnte sich nicht gegen den Lärm der Werft durchsetzen und endete auf dem Kabinenschrank neben dem "Handbuch der Seefahrt", Band l und 2. Dabei war es wahrscheinlich das einzige Stück vernünftiger Literatur an Bord.

Jahre waren vergangen, als ich eines Abends vom Theater nach Hause kam und kein Abendbrot vorfand; Schauspieler können sich für geDer englische Filmschauspieler Alec Guinness vergin zum Ritter geschlagen wurde. Aufn : dpa, AP (2) wohnlich gegen elf Uhr abends eines Hungergefühls nicht erwehren. Meine Frau entschuldigte sich und sagte, sie lese gerade ein Buch, von dem sie sich nicht trennen könne.

Nun, Sie wissen, welches Buch es war. Ich brachte die übliche dumme Ausrede an, die man immer gebraucht, wenn man irgendwie aus der Fassung gebracht ist und nicht in eine Diskussion hineingezogen werden möchte: "Ich habe es auch gelesen, aber es hat mir nicht besonders gefallen Meine Frau schien verstimmt zu sein und es aufzugeben. Nachdem ich schließlich mein Essen bekommen hatte, sagte sie jedoch glücklicherweise: "Du solltest es noch einmal lesen. Es ließe sich ein außergewöhnlicher Film daraus machen " Um des lieben Stolzes willen ließ ich einige Tage vergehen und griff dann wieder zu dem Buch. Dieses Mal packte es mich. An irgendeiner Stelle sagt Gulley Jimson, der Maler, als er von einem Manet Bild spricht, das er als junger Mann gesehen hat: "Ich sah eine neue Welt. Die Welt der Farbe. Es fiel mir wie Schuppen von den Augen, und ich wurde ein neuer Mensch. Es war wie eine Bekehrung " Das ist genau das, was mir auch geschah. Und zwar durch das Buch. Man sagt mir, daß Maler es nicht mögen. Aber schließlich gibt es kein Handwerk auf der Erde, das es liebt, einen aus seinen Reihen als amoralisch dargestellt zu sehen. Schauspieler scheinen die einzigen Leute zu sein, die nichts dagegen haben, daß man sie als betrunken und liederlich schildert. Sie geben es auf, sich aufzuregen über die falschen Vorstellungen, die man sich von ihrer Arbeit macht. Wenn Gulley Jimson nicht eine Romanfigur, sondern quicklebendig wäre, dann wäre er bestimmt ein Maler. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

Wie es frisch Bekehrten eigen ist, so fing auch ich sogleich an, das Lob meiner Neuentdeckung zu singen. Es prallte ab an tauben Ohren; meinen Zuhörern fehlte die Gnade der Erleuchtung. Filmmanager wollten nichts davon wissen. Mysteriöse und wahrscheinlich auch recht sagenhafte Menschen, "Lektoren der Story Abteilung" genannt, schüttelten ihren Kopf, oder besser, schickten gepfefferte Berichte, in denen stand, das Buch habe keine allgemeine Bedeutung, keine bemerkenswerte Handlung, es spreche Frauen nicht an und so weiter. Sie vergaßen zu sagen: kein Schlachtgetümmel, kein Sadismus, keine dämonischen Ungeheuer, kein himmlischer Chor, nichts, was sich als Unterhaltungsbasis für eine Hausfrau, die mit dem Chef ihres Mannes Konversation treiben muß, eignet. Dafür hat es ziemlich viel, was Kinder auf die fatale Idee bringen könnte, das Leben sei nicht so rosarot und spiegele sich in einem Fernsehapparat nur unvollkommen wider. Aber natürlich ist es nicht wirklich ein Stoff für Kinder. Was die Filmleute allerdings vergaßen zu schreiben, ist: daß "Des Pudels Kern" mit all seinen eindeutig zweideutigen und atheistischen Gesprächen (wie alle guten Atheisten ist Gulley ein gottesfürchtiger Mann) ein übersprühendes, umfassendes Lob auf das Leben ist. Ich fürchte, wir konnten das durch die Grenzen, die dem Film gesetzt (und nicht etwa die Grenzen Joyce Carys) sind, nicht- ganz herausbringen. Ein Buch, das von Leben überschäumt wie dieses, kann nicht monatelang in einem kleinen Schiff eingeschlossen werden, ohne daß es sich hinterher unter Dampf und Donner Erscheinungen Luft schafft. Ich hoffe, daß etwas von Carys Begeisterung — in diesem Zeitälter, wo sich niemand mehr begeistern kann — auch in dem Film noch erhalten ist und daß der Dampf, sofern überhaupt noch vorhanden, auch noch heiß genug ist, sich daran zu verbrennen.