In den letzten Tagen wurde immer deutlicher, daß die zeitweise Aufsehen erregende Aufwärtsbewegung bei den deutschen Aktien ihr Ende gefunden hat. Diesmal brauchte die Bundesbank kein Warnsignal zu geben. Wenn man nach den Ursachen für die veränderte Börsentendenz forscht, dann stößt man auf eine Vielzahl von Gründen. Zu einem wesentlichen Teil spielt aber die "große Politik" eine Rolle. Die Ost-West-Spannungen und vor allem der Ausfall des amerikanischen Außenministers veranlaßten sowohl die institutionellen Anleger als auch die internationale Spekulation zur Vorsicht. Bemerkenswert ist, daß bislang keine Sonderbehandlung der deutschen Aktien festzustellen ist. Noch kennt man im internationalen Wertpapiergeschäft kein "Deutschland-Risiko". Im Gegenteil, bei einigen deutschen Aktiengesellschaften sind die Amerikaner offensichtlich bestrebt, ihren Anteil zu vergrößern. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang Ford, wo der Kurs in den letzten Tagen kräftig anzog. Wahrscheinlich versucht der amerikanische Großaktionär auf diese Weise auch die restlichen 1 bis 2 v. H. des Grundkapitals in seinen Besitz zu bringen. Vielleicht denkt er auch daran, die AG in eine GmbH zu verwandeln, um auf diese Weise der Publizitätspflicht zu entgehen. Im übrigen hält die Börse es für durchaus möglich, daß eines Tages auch beim US-Großaktionär der Heinrich Lanz AG der Wunsch reifen könnte, die freien Aktionäre in irgendeiner Form abzufinden.

Wenn ausländische Kauforders an den deutschen Börsen nicht vorlagen, dann hat das keinen ausschließlich politischen Hintergrund. Auch in New York ist die Börse seit einiger Zeit unsicher, so daß Experten bereits von einer neuen Phase zu sprechen beginnen, die von der Einsicht beherrscht wird, daß der wirtschaftliche Wiederaufschwung in den USA langsamer vonstatten geht, als die Optimisten es ursprünglich angenommen hatten. Die großen Investment-Fonds gehen zu den jetzigen Kursen in Wall Street nicht an den Markt, sondern haben ihre Kauforders zu niedrigeren Kursen limitiert. Auf diese Weise bleibt zwar eine Hausse aus, aber es kann nach Ansicht der Experten auch keinen tiefgehenden Rückschlag geben.

Die deutschen Aktienmärkte befinden sich in einer ähnlichen Situation. Zwar sind viele anregende Momente (Dividendenerhöhungen, Gratisaktien usw.) in den jetzigen Kursen bereits vorweggenommen worden, so daß ein forscher Anstieg der Kurse im alten Stil zunächst wenig wahrscheinlich ist, doch andererseits sorgt die vergleichsweise hohe Rendite deutscher Spitzenwerte dafür, daß kein Bergrutsch entsteht – wenn nicht außergewöhnliche politische Ereignisse eintreten. Der flüssige Geldmarkt tut ein übriges, um einen wirklichen Kursverfall zu verhindern.

Deshalb sollte man auch die zeitweise nachgebenden Kurse auf den Hauptaktienmärkten nicht allzu tragisch nehmen. Wie zu erwarten war, brachten die schwächeren Börsen ein vermehrtes Angebot, weil viele Leute jetzt rasch Gewinne sicherstellen wollen. Andererseits – auch das ist eine übliche Börsenerscheinung – haben viele Käufer ihre Aufträge zurückgestellt, in der Hoffnung, noch billiger einsteigen zu können. Sie werden erst dann an den Markt zurückkehren, wenn es wieder einen Ruck nach oben gegeben hat.

Daß der in der Vorwoche eingetretene leichte Aufschwung bei den Montanen durch die Diskussionen über die französische Stahlkonkurrenz sowie durch die Nachrichten über eine bevorstehende Produktionsdrosselung der deutschen Stahlwerke sein Ende fand, war vorauszusehen. Es bleibt bei der Feststellung: Die Zeit für eine Montan-Hausse ist noch nicht reif! Am Chemie-Markt gab es wieder leichte Schwankungen, worunter insbesondere die IG-Farben-Nachfolger zu leiden hatten. Das deutsche Börsenpublikum muß sich jetzt an größere Kursbewegungen bei allen solchen Papieren gewöhnen, in denen die ausländische Kundschaft stärker engagiert ist. Sie ist wesentlich beweglicher als der deutsche Aktienbesitzer und ist es daneben gewohnt, in größeren Beträgen zu handeln, als es gemeinhin in Deutschland bislang üblich war. Die Elektrowerte haben sich als stabil erwiesen. Bei Siemens wurde der Hinweis der Verwaltung, unter Umständen auch Umwandlungs- (Gratis-)Aktien ausschütten zu wollen, sehr optimistisch interpretiert. In Obereinstimmung mit der unsicheren Allgemeintendenz waren die Bank-Aktien eher etwas vernachlässigt. Kurt Wendt