Hannover, im Februar

Auch der neue Film des Regisseurs, der "Das Mädchen Rosemarie" drehte, Rolf Thiele, will die braven Bürger erschrecken: "Die Halbzarte" mit Romy Schneider (in mehreren Städten angelaufen. Drehbuch: Hans Jacoby, Cosmopol-Film). Aber er traut sich nur halb. Zuerst denkt man: Aha, eine Persiflage auf die Sagan und die anderen jungen "schreibenden Ungeheuer, die mit Pamphleten Millionen verdienen", auf ihren schnellen Weltruhm und ihr schnelles Leben. Und: Ei, ei, diese Filmleute mit ihrem Sinn für Pikanterie bringen es fertig, die Romy, dieses Idol vieler Mütter und vieler Töchter, diese artige, fröhliche Sissi in eine frech-verwegene, vorlaute und verruchte Nicole zu verwandeln, die mit 16 Jahren ein Erfolgstück schrieb, das vor Unmoral nur so dampft.

Doch es stellt sich schnell heraus, die "frivole" Handlung ist bar jeder Frivolität, wie bei der Sagan, so im Film. Und die paar Verworfenheiten, die Romy Schneider hier zierlich äußert und die durch ein paar wilde Haarsträhnen und etwas Schminke erreichte wilde Verkommenheit im Gesicht sind mehr ein Trick, als eine Kunst der Verwandlung, um die rosenfarbene Tugend um so mehr leuchten zu lassen.

Der sich aufdrängende Vergleich mit der Sagan ist trügerisch. Das diese neugierige französische Autorin bewegende Thema von der Fragwürdigkeit und der Vergänglichkeit der Liebe wird hier nicht gestellt. Der Film endet, während bei der Sagan nur noch vage der Traum von der Unvergänglichkeit des Glücks durchschimmert, handfest wie eh und je mit der Hochzeit im Filmhimmelbett, und das nicht ganz geschmackvoll.

Mit Takt und Witz dagegen rollt das provokante und degoutante Theaterstück in der Filmszene ab. Bele Bachem sei gedankt, daß sie mit Phantasie und Koketterie, vor allem im Vorspann, aber auch in Kostümen und Szenenbildern, einiges getan hat, um die schwüle Erotik mit Raffinement zu verfremden und den Ausstattungsstil der deutschen Nachkriegsfilme künstlerisch um Grade zu verbessern. Die angekündigte "Erlösung des deutschen Films aus der Banalität des Hotelausstattungsstils" gelang zwar noch nicht ganz; in dem exzentrischen Haus der neureichen Familie der jungen Erfolgsautorin ist die Atmosphäre genauso keimfrei und seelenlos wie immer.

Der Vater (Josef Meinrad) übrigens hatte der jungen Nicole die Frechheiten ins Textbuch geschrieben – so der Film, um dem üblichen Vorurteil über schreibende junge Mädchen Genüge zu tun. Leider ging die Überladenheit der Bilder und die schmetternde Buntheit der Farben ("unterstützt von dem bekannten amerikanischen Farbberater Alvord Eiseman") gelegentlich etwas auf die Nerven.

Die spielerischen Tricks der Kamera (Klaus von Rauthenfeld) trugen am meisten dazu bei, daß diese harmlose, leichte Geschichte, die als parodistische Komödie begann, Witz und Poesie hat. Sehr hübsch sind ein paar ironische Anmerkungen in Bildern über diese haarsträubende Jagd nach dem Geld (eine Mutter mit doppelter Moral: Magda Schneider, die Mutter von Romy), das banale Geschäft mit Kunst (Carlos Thompson ist attraktiv und mit Humor ein Broadway-Producer), über diese mittelmäßigen Klischeevorstellungen von der heutigen Jugend. Hier fällt der Satz: "Die Schamhaftigkeit unter dem Mantel der Unmoral ist die eigentümliche Keuschheit unserer Jugend." Er bleibt in der Luft hängen mit einem Fragezeichen. Die Filme unserer Erfolgsregisseure, die sich um Qualität bemühen, jagen sich. Auch Kurt Hoffmann ("Das Wirtshaus im Spessart", "Wir Wunderkinder") hat schon wieder einen neuen produziert: "Der Engel, der seine Harfe versetzt" (Uraufführung Hannover, Georg-Witt-Produktion). Ein musikalisches Lustspiel. Der Titel deutet glücklich an, was der Film wirklich ausstrahlt: Poesie und bittere Realität. Dichtung der Nacht. Ein Milieu, wie man es selten sieht. Ein Laden voller Spinnweben und Geheimnisse, halb Leihhaus, halb Antiquitäten-Geschäft.