Wenn man sich in den vergangenen Jahren mit Funktionären der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (Montan-Union) unterhielt, so brachte früher oder später einer der Diskussionspartner das Gespräch immer auf die erstaunliche Tatsache, daß dieser erste Versuch eines engeren wirtschaftlichen Zusammenschlusses in Europa verhältnismäßig reibungslos verlief und sein Ziel erreichte: Ein gemeinsamer Markt, frei von Handelsschranken, wurde für Kohle, Eisen und Stahl zwischen den sechs Mitgliedern geschaffen. Jedesmal wiesen die Leute von Luxemburg an diesem Punkt der Unterhaltung auf den historischen Glücksfall hin, daß sich die Montan-Union in einer Zeitspanne des wirtschaftlichen Wachstums organisieren und entfalten konnte; und darauf, daß andernfalls das Experiment wahrscheinlich gescheitert wäre.

An diese Auffassung wird man heute lebhaft erinnert, da sich ausgerechnet die integrierten Bereiche der sechs Länder, die nach dem Schuman-Plan der Hohen Behörde der Montan-Union unterstellt sind, in einer deutlichen Recession befinden, während die nicht integrierten übrigen Wirtschaftszweige der gleichen Staaten immer noch mehr oder weniger vollbeschäftigt sind. Deutlich zeigt sich jetzt die Machtlosigkeit der Hohen Behörde gegenüber einem Nachfragerückgang. Eine gesamtwirtschaftliche Ankurbelung der Nachfrage – die übrigens gegenwärtig immer noch ein problematisches Unterfangen wäre – liegt außerhalb des Luxemburger Kompetenzbereichs.

So konnte die Hohe Behörde dem Kohlenzoll der Bundesregierung bloß mehr oder weniger zögernd zustimmen, und so muß sie sich gegenüber dem Einbruch der französischen Stahlindustrie auf den deutschen Markt in erster Linie auf eine negative Politik beschränken – auf die Sicherung eines einheitlichen Preisniveaus oder anders gesagt das Verbot der Preisdiskriminierung, und im übrigen auf die beiden einzig möglichen Alternativen – wirtschaftspolitischer Maßnahmen, die sie empfehlen kann; eine Exporttaxe der französischen Regierung auf die Stahlausfuhr einerseits oder eine erhöhte deutsche Belastung der französischen Stahlimporte andererseits.

Beide Maßnahmen widersprechen zwar nicht dem Montanvertrag, wohl aber dessen "ratio legis" eines Freihandels zwischen den integrierten Industrien der sechs Länder. Dieser Zwang zum Verzicht auf eine konstruktive Politik ergibt sich in einem Fall, wie er zur Zeit auf dem Stahlmarkt vorliegt, zwangsläufig aus der bloß teilweisen Integration der Volkswirtschaften (welche die Montan-Union charakterisiert). Die Herstellung eines auf Teilbereiche der Gesamtwirtschaft – Kohle und Stahl – beschränkten Freihandels zwingt die an dieser "Sektorintegration" beteiligten Länder im Unterschied zu einer vollständigen Liberalisierung nicht dazu, auch ihre Zahlungsbilanz auszugleichen. Die Partner der Teilintegration werden zwar darauf achten, daß in den Bereichen, die der ausländischen Konkurrenz preisgegeben sind, ihre Produktivität auf ein genügend hohes Niveau steigt, aber sie fördern diese Produktivität einzelner Sektoren vielleicht auf Kosten der übrigen Wirtschaft. Eine Konstruktion wie die Montan-Union verleitet die Mitgliedsländer dazu, ihre Devisendefizite auf die nicht integrierten Wirtschaftszweige abzuwälzen, wo sie durch Schutzmaßnahmen eingedämmt werden können.

So war die französische Stahlindustrie bereits vor der Abwertung des Franc der deutschen Konkurrenz durchaus gewachsen. Die Abwertung selbst zeigt dagegen, daß diese Konkurrenzfähigkeit keineswegs für die französische Gesamtwirtschaft galt – im Gegenteil, sie mußte durch die Währungspolitik erst hergestellt werden. Während daher die Abwertung erst die Voraussetzungen der "Startgleichheit" im nicht-integrierten Teil der französischen Wirtschaft schuf, sicherte sie gleichzeitig der Stahlindustrie einen Preisvorsprung von durchschnittlich 10 v. H. gegenüber der deutschen Konkurrenz. Der Vorsprung läßt sich teilweise auf den politischen Druck der französischen Regierung zurückführen, teilweise spiegelt sich in ihm aber auch eine zwar forcierte, aber dennoch höhere Produktivität.

Soweit sich der Unterschied der Stahlpreise aus der französischen Regierungsintervention erklärt, wird sich die deutsche Stahlindustrie mit Recht einer Anpassung der Preise an das französische Niveau widersetzen. Ein solcher, auch nur durch eine Absprache zwischen Regierung und Industrie zustande gekommener Eingriff widerspricht dem marktwirtschaftlichen Prinzip, das der Montanvertrag in der Preisbildung fordert. Nur der kleinere Teil des Preisunterschieds von 10 v. H. dürfte jedoch auf die französische "Seelenmassage" zurückzuführen sein. Dieser Teil der Spanne wäre legitimerweise entweder durch eine Exporttaxe in Frankreich oder eine Heraufsetzung der deutschen Einfuhrbelastung auszugleichen.

Der Rest der Spanne erklärt sich dagegen entweder aus natürlichen Standortvorteilen der französischen Industrie oder aber aus einer künstlich geförderten – zum Nachteil anderer Sektoren der französischen Industrie – Modernisierung im Bereich des Stahls. Beide Faktoren können durch Schutzmaßnahmen nicht aus der Welt geschafft werden. Eine Erschwerung des Austausches schafft zudem auch keine zusätzliche Nachfrage, an welcher der deutschen Industrie, die ihre Kapazitäten nur mehr zu ungefähr 80 v. H. ausnutzen kann, liegen muß.