Unser Bonner Korrespondent Robert Strobel hatte in der Nummer vom 2. Januar 1959 über eine Beleidigungsklage des ehemaligen Generals Ramcke gegen Bundestagspräsident Gerstenmaier berichtet. Hierzu schickt uns General Ramcke jetzt folgende Stellungnahme.

Es ist nicht wahr, daß der Rechtsanwalt Dr. Maßmann in den beiden Schriftsätzen, die er in meinem Auftrage den Synodalen der Evangelischen Kirche in Deutschland zusandte, bedenkenlos die Tatsachen auf den Kopf gestellt und behauptet hat, Dr. Gerstenmaier habe der Widerstandsbewegung nicht angehört. Er habe sich im Gegenteil mit dem Nationalsozialismus ganz gut verstanden; sein Widerstand sei nichts als eine Legende.

Wahr ist vielmehr, daß Dr. Maßmann in den Schriftsätzen den Tatsachen entsprechend ausgeführt hat, allein Dr. Gerstenmaier sei sowohl aus der Gruppe der am 20. Juli 1944 in der Bendlerstraße Verhafteten, als auch aus dem Kreis der Teilnehmer an der Widerstandsbesprechung mit Gördeler, Beck, v. Hassel, Popitz, Moltke, York u.a. von Anfang 1943, als auch aus dem Kern des Kreisauer Kreises herausgenommen und als einziger dieser Personenkreise nicht zum Tode verurteilt worden, während sonst schon die bloße Annahme der Mitwisserschaft zur Todesstrafe geführt habe. Demgegenüber müsse Dr. Gerstenmaier darlegen und beweisen, welche besonderen Ursachen dazu führten, daß er trotz seiner außergewöhnlich schweren Belastung ohne Todesstrafe davonkam! Solange er dies nicht getan habe, solange er, anstatt ihre Richtigkeit zu beweisen, sich weiterhin auf die Ausrede beschränke, es sei ihm selbst unverständlich, bleibe er der tatsächlichen Vermutung ausgesetzt, der Geheimen Staatspolizei wertvolle Dienste zur Aufklärung des Umsturzversuches und zur Ermittlung damit in Verbindung stehender Personen geleistet zu haben und trotz seiner Anwesenheit in der Bendlerstraße am 20. Juli 1944 nicht zu dem wahren "Anderen Deutschland" der echten Widerstandskämpfer zu gehören, die in aufrechter Haltung für ihre politische, weltanschauliche oder religiöse Überzeugung eingetreten sind! Solange Dr. Gerstenmaier unter der Belastung dieser tatsächlichen Vermutung stehe, habe er nicht die moralische Berechtigung, als Apostel des wahren "Anderen Deutschland" der echten Widerstandskämpfer aufzutreten! Solange seine eigene politische Vergangenheit das Bild des religiösen Nationalsozialisten aufweise (vgl. u.a. sein Buch "Die Kirche und die Schöpfung"), solle er sich insbesondere sehr davor in acht nehmen, anderen Leuten vorzuwerfen, sie seien alte ungeläuterte Hitleranhänger und befänden sich offensichtlich heute noch in der geistigen Gefolgschaft Hitlers!

Ramcke,

General der Fallschirmjäger

Was der General Ramcke da schreibt, ist wirklich ungeheuerlich. Die Beweisführung, daß jemand kein Widerstandskämpfer gewesen sein kann, weil er heute noch am Leben ist, ist doch wohl ebenso absurd, wie es die Behauptung wäre, jeder General, der nicht im Kriege gefallen ist, sei ein Feigling.

Unser Bonner Korrespondent schrieb: "In zwei Schriftsätzen stellte Ramckes Rechtsanwalt die Tatsachen bedenkenlos auf den Kopf ..." Ramcke "berichtigt". Aber jeder, der seine Zeilen gelesen hat, wird zugeben müssen, daß dies keine Berichtigung, sondern eine Bestätigung der Strobelschen Behauptung ist: Der Bundestagspräsident soll Ramcke beweisen, wieso er "trotz seiner außergewöhnlich schweren Belastung ohne Todesstrafe davonkam". Wenn diese Umkehrung der Beweislast kein Auf-den-Kopf-Stellen der Dinge ist, dann kann wirklich kein Mensch mehr sagen, wo oben und unten ist.