Eine medizinische Disputation über die von Grantly Dick-Read vertretene Mitte zwischen zwei Extremen

Von Rudolf Hellmaim

Der Verfasser dieses Artikels ist ein angesehener Hamburger Gynäkologe, der sich seit Jahren mit der Methode des Engländers Dick-Read befaßt. Als Herausgeber des hier angezeigten Buches und durch viele eigene Veröffentlichungen hat er die "Natürliche Geburt" in Deutschland eingeführt und verbreitet.

Wenn vom Arzt, der einem humanitären Ideal verhaftet ist, ideologische Beeinflussung seiner Kranken als vordringliche Leistung und erst in zweiter Linie die Behandlung zur Wiederherstellung der Gesundheit gefordert wird, so muß das zu ernsten Konflikten im Wertungsgefüge führen. Neuerdings ist offenbar auch die moderne Geburtshilfe, die ja in erfreulich zunehmendem Maße eine psychologische Ausrichtung erfährt, zum Vorspann politischer Bestrebungen eingesetzt worden.

Betrachten wir die Geburten in ihrer Bedeutung als globales Geschehen, so erblicken nach letzten Meldungen 90 Neugeborene in der Minute das Licht unserer Erde. Daraus läßt sich eine tägliche Geburtenzahl von 129 600 errechnen.

Versuchen wir eine Wertung des Einzelgeschehens aus der Sicht des Gynäkologen, so müssen wir W. Stoeckel, dem Nestor der deutschen Frauenärzte, folgen, der die Geburt als "das gewaltigste Wunder der Natur" bezeichnet. Nach der Psychologin H. Deutsch ist sie "das größte und beglückendste Erlebnis der Frau, vielleicht des Menschen überhaupt".

Grundsätzlich sind Schwangerschaft und Niederkunft vorwiegend Angelegenheit der Frau; dann erst werden die Familie und letztlich auch die Gemeinschaft davon betroffen.