Von Paul Hühnerfeld

Es gibt Autoren, gegen die man nur schlecht etwas sagen kann, weil schon allzu viele Menschen – und dazu solche, mit deren literarischem Urteil man für gewöhnlich nicht gern übereinstimmt – etwas gegen sie gesagt haben. Wer zum Beispiel traut sich, etwas gegen Henry Miller zu sagen, nachdem er die stattliche Reihe jener doch zum mindesten interessanten und lesenswerten Bücher dieses amerikanischen Schriftstellers zur Kenntnis genommen hat, die in dessen Heimatland verboten sind? Verboten von einer allzu engherzigen puritanischen Gesellschaft, die es zwar zuläßt, daß der Sexus bei jedem zweiten Film, bei jeder Reklame auf seine Kosten kommt, die den Eros hingegen fürchtet. Das letzte Werk des weltberühmten Mannes aus New York

Henry Miller: "Big Sur und die Orangen des Hieronymus Bosch"; Rowohlt Verlag, Hamburg; 416 S., 16,80 DM

ist übrigens nicht verboten: und dazu gibt es auch wahrhaftig keinen Grund. Denn der Mann, der nicht ganz ohne Selbstgefälligkeit zur Kenntnis nahm, daß ein englischer Literaturkritiker ihn den "obszönsten Schriftsteller aller Zeiten" nannte, dieser Henry Miller ist in seinem neuen Buch brav. Wer also in Richtung Unmoral etwas erwartet, spare sein Geld.

Vielleicht ist aber das Buch gerade wegen seiner Bravheit geeignet, dieses 68jährige enfant terrible der amerikanischen Literatur, dem es verhältnismäßig spät, aber doch in wenigen Jahren gelang, die amerikanischen "Klassiker" wie Faulkmr, Wolfe oder Hemingway in den Schatten zu stellen – vielleicht also ist gerade dieses Buch geeignet, Miller ein bißchen genauer erkennen zu lassen. Was bleibt von dem "obszönsten Schrittsteller" unserer Tage, wenn er einmal den Mut hat, nicht obszön zu sein?

Miller, 1891 in New York als Sohn eines deutschstämmigen Schneiders geboren (der junge Henry sprach, bis er in die Schule kam, zu Haus nur deutsch), entlief schon als Halbwüchsiger einem New Yorker College, brach sein Universitätsstudium ab, ging in die Industrie, brachte es um 1920 zum Personalchef einer großen Firma, brannte erneut durch, trampte durch halb Amerika, wurde Bote, Spitzel für Gewerkschaften, Goldsucher in Alaska. Lebte von 1930 bis zum Kriegsausbruch in Paris, dann in Griechenland und war 1941 wieder in Amerika.

In jenem Jahr wird er zum ersten Male in seiner Heimat gedruckt. Später zieht er nach Kalifornien, nach Big Sur, einem Ort, dessen Landschaft (wenn man Millers eigenen Schilderungen trauen darf) von monotoner Schönheit ist, nicht weit von San Franzisko entfernt – einem Ort mit vielleicht einem Dutzend anderen Künstlern, die durch Miller angezogen worden sind. Zur Hauptsache aber ist es ein Platz "mit Mohn und Bussarden, Adlern und Kolibris, Taschenratten und Klapperschlangen und mit einem unendlichen Meer und Himmel".