Was es mit der Flexibilität auf sich hat

Seit John Foster Dulles in der vergangenen Woche seinen Schreibtischsessel im State Department mit einem Krankenhausbett im Walter-Reed-Hospital vertauschen mußte, mehren sich – auch bei seinen Kritikern – die Stimmen der Besorgnis. Und seit die ärztliche Diagnose auch die letzte Hoffnung trübte, daß er in absehbarer Zeit wieder auf seinen Posten zurückkehren könne, gibt es fast in der ganzen westlichen Welt nur diese eine Reaktion, die bestürzende Feststellung: Der Steuermann hat die Brücke verlassen.

Daß der amerikanische Außenminister nicht jener "starre" Politiker war, als der er immer wieder hingestellt wurde, ist gerade während der letzten Wochen sehr deutlich geworden. Es hat sich aber auch gezeigt, daß er ein Mann war, der unberührt und unbeirrt blieb von den schwankenden Tagesmeinungen und der es verstand, als außenpolitischer Anwalt eines Präsidenten, der die Ruhe mehr liebt als die Unrast der Staatsgeschäfte, einen klaren Kurs zu halten. Hinter seinem breiten Rücken ließen sich so gut "realistische" Pläne schmieden. Und niemand mußte befürchten, daß diese Pläne allzu schnell zu verbindlichen außenpolitischen Konzeptionen würden – auch die Pläneschmiede selbst nicht.

In den letzten Wochen seiner Amtstätigkeit hatte Außenminister Dulles noch einmal als der große Koordinator und Regisseur auf der westlichen Verhandlungsszene gewirkt. Und während in Washington noch das Arbeitsteam aus englischen, amerikanischen, französischen und deutschen Vertretern letzte Hand an die Einzelheiten der westlichen Vorschläge legte, gelang es dem amerikanischen Außenminister auf seiner Europatour, die Regierungen in London, Paris und Bonn in den großen Fragen unter einen Hut – sozusagen noch einmal unter den Dulleschen Homburg – zu bringen.

Das Ergebnis liegt jetzt vor: Anfang der Woche sind die westlichen Antworten auf die Sowjetnote vom 10. Januar (Friedensvertrag-Angebot und Vorschlag einer Deutschland-Konferenz von 29 Staaten in Prag oder Warschau) in Moskau überreicht worden. Darin wird eine Außenministerkonferenz unter Hinzuziehung von Vertretern aus Bonn und Pankow vorgeschlagen.

Wenn der Kreml diesen Vorschlag akzeptiert, dann ständen jetzt zwei große Konferenzen unmittelbar vor der Tür: die westliche Vorbereitungskonferenz im März oder Anfang April und die große Ost-West-Konferenz in der ersten Maihälfte. Weder das eine noch das andere Mal wird dabei die westliche Vor-Macht, nämlich Amerika, durch Dulles vertreten sein. Und ob sich der Plan verwirklichen läßt, daß er vom Krankenbett aus wenigstens starken Einfluß auf die Konferenzvorbereitungen nimmt, ist zur Stunde zumindest noch ungewiß.

Ohne Dulles