Als eine Parallele zu heute sei in diesem Zusammenhang noch berichtet, daß es preußischen Gerichten damals gelungen ist, dem General Lüttwitz, Teilnehmer am Kapp-Putsch, seine Offizierspension zu sichern und sogar aufzuwerten.

Dies ist die eine Seite der Weimarer Justiz: die Schonung der Monarchisten und Völkischen, kurz aller derer, die es verstanden hatten, sich als nationale Opposition zu etikettieren. Die folgenden Jahrzehnte haben gezeigt, welcher Schwindel mit den Worten national, völkisch, vaterländisch, damals wie übrigens seit jeher, getrieben wurde.

Auf der anderen Seite stehen die Fälle, in denen die Feinde von links verfolgt wurden. Besonders deutlich wird die Tendenz der Leipziger politischen Justiz aus dem kleinen Fall Steinmayer, einer aus den vielen Fällen, von denen E. J. Gumbel im Jahre 1926 und später berichtet hat und den ich selbst verifiziert habe: Der württembergische sozialdemokratische Landtagsabgeordnete Steinmayer hatte umfangreiches Material über die geheimen militärischen Organisationen der Nationalsozialisten in Württemberg gesammelt und der Landesregierung davon Kenntnis gegeben. Da diese dazu stillschwieg und nicht einschritt, veröffentlichte Steinmayer am 4. und 5. September 1923 in der Schwäbischen Tagwacht, einem sozialdemokratischen Blatt, einen Teil seines Materials. Am 7. Februar 1924 verlangte der Oberreichsanwalt vom Württembergischen Landtag die Genehmigung zur Strafverfolgung Steinmayers, die allerdings abgelehnt wurde.

Verfahren dieser Art wegen Landesverrats wurden sehr viele betrieben. Unter nationaler Tarnung bewaffneten sich zahlreiche staatsfeindliche Verbände, die der Oberreichsanwalt, anstatt sie wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu verfolgen, in seinen besonderen Schutz nahm, indem er diejenigen wegen Landesverrats verfolgte, welche die heimliche, gegen den Staat gerichtete Bewaffnung aufdeckten. Der Oberreichsanwalt, die im Einverständnis mit ihm handelnden "Sachverständigen" des Reichswehrministeriums und teilweise auch das Reichsgericht, waren der Auffassung, daß die Aufdeckung aller, auch der von der Regierung nicht gebilligten oder geförderten Bewaffnungen, ja, sogar der gegen sie gerichteten, Landesverrat darstellten.

Die Reichsregierung hatte durch Reichskanzler Luther am 30. Januar 1925 erklärt, daß sie fest entschlossen sei, "Verstöße in der Entwaffnung, die ihr von den Alliierten nachgewiesen werden oder die sonst zu ihrer Kenntnis gelangen, zu beseitigen". Wer die Auffassung verwirklichte, daß solche Verstöße gegen ein geltendes Gesetz politisch schädlich seien, machte sich nach der Auffassung des Oberreichsanwalts des Landesverrats schuldig. So noch im Jahre 1929 der spätere Nobelpreisträger Karl von Ossietzky, der wegen Abdrucks von Andeutungen über illegale Vorgänge in der deutschen Luftfahrt vom Reichsgericht zu 2 Jahren Gefängnis verurteilt wurde.