Nikitas Besuch hängt ab von Berlin

In Skandinavien ist es zu einer schweren Verstimmung zwischen den sozialdemokratischen Regierungsparteien und der bürgerlichen Opposition gekommen. Schuld daran ist der Beschluß der schwedischen, norwegischen und dänischen Regierung, den sowjetischen Ministerpräsidenten Chruschtschow jetzt zu einem Gegenbesuch nach Stockholm, Oslo und Kopenhagen einzuladen. Dieser Besuch, der bereits für 1957 geplant war, wurde seither wegen der Ereignisse in Ungarn von den Gastgebern immer wieder verschoben.

Den Standpunkt der bürgerlichen Oppositionsparteien machten die Vorsitzenden der liberalen und konservativen Partei in Schweden, Ohlin und Hjalmarson, am deutlichsten. Ohlin wies kritisch auf die Einmischung des Kremls in die finnische Innenpolitik hin, die zum Sturz des Kabinetts Fagerholm führte; Hjalmarson bezeichnete die Einladung als "eine Heuchelei". Das schwedische Volk könne die Ereignisse in Ungarn, Polen, Ostberlin und in der Tschechoslowakei nicht vergessen. Und überhaupt möge der Kreml erst den baltischen Völkern die Freiheit geben, ehe er seinen profiliertesten Vertreter zu einem Besuch in die skandinavischen Demokratien entsende...

Norwegische Oppositionspolitiker halten den Zeitpunkt der Einladung an – Chruschtschow für denkbar schlecht gewählt und erklären, daß es sich nur um eine Propagandareise handeln werde. Die schwedische Dagens Nyheter sprach gar von einer "skandinavischen Blamage", und das konservative Svenska Dagbladet erinnerte daran, daß erst noch die Berlin-Krise gelöst werden müsse.

In dieser Bemerkung klang die Erklärung dafür an, daß der Besuch erst im Spätsommer stattfinden soll. Denn sollten sich die Sowjets in ihrer Berlin-Politik als unnachgiebig erweisen, dann dürfte es nach Ansicht politischer Beobachter in Skandinavien zu einer erneuten Vertagung des Besuchs kommen. Eine Goodwill-Mission Chruschtschows in Skandinavien stehe – so heißt es in den nordischen Hauptstädten – in engem Zusammenhang mit der Berlin- und Deutschland-Frage.

Günter Graffenberger