Von Hansgeorg Maier

Willi Heinrichs Kriegsbücher "Das geduldige Fleisch" und "Der goldene Tisch" haben im Ausland weitaus mehr Leser erreicht als in der Bundesrepublik. In seinem dritten erzählerischen Opus ist der Autor aber dem Fluch der Unglaubwürdigkeit erlegen. Der Spätheimkehrer aus dem sibirischen Lager Workuta ist nämlich ein wehleidiger Neurastheniker, weichherzig und fast ein Schwächling. Er neigt zwar zu jähen Aufwallungen und Ausbrüchen, erliegt aber gleich danach lähmender Bestürzung über sich selbst. Der befremdete Leser fragt sich, wo dieser Mann die Kraft hergenommen hat, die lange Gefangenschaft überhaupt durchzuhalten.

Fraglich bleibt erst recht, warum der aus Workuta Entlassene den Bruder seiner geschiedenen Frau, der seinen, des Heimkehrers, Vater bei der Gestapo denunziert hat, nicht zur Rechenschaft zieht. Soll gerade die Passivität den Mann aus Workuta zum "Gezeichneten" stempeln?

Willi Heinrich: "Die Gezeichneten"; Stahlberg Verlag, Karlsruhe; 475 S., 17,80 DM.

Vorgeschwebt hat dem Erzähler Heinrich eine effektvoll-ernsthafte Antithese zwischen dem harten Nachkriegsschicksal eines Benachteiligten und der satten Neubürgerlichkeit derer, die sich im wieder wohnlich gewordenen Rest-Vaterland eingerichtet haben. Zustande gekommen ist dagegen nur die mit Erotik durchsetzte Jeremiade eines Pechvogels, der in Nürnberg fast nur mit widerwärtigen Postenjägern, eifersüchtigen Bürokraten, Nervenschwachen und Neo-Nazis zu tun hat.

Den Angeekelten packt die Sehnsucht nach dem alten thüringischen Geburtsort. Der Versuch, illegal über die Deutschland zerteilende Grenze zu gelangen, kostet ihn das Leben. Nicht ohne sein Zutun hat kurz zuvor ein im Landratsamt tätiger Hirnverletzten – des Heimkehrers Rivale als Verlobter der Landratstochter – einen Tobsuchtsanfall erlitten und ist in eine Anstalt geschafft worden. Die Landratstochter heiratet den ihr von den Eltern zugedachten Industriellensohn.

An Stelle der zwei "Gezeichneten" behauptet das Feld der Landrat, der aus Futterneid einst einen Vorgesetzten mittels Anschwärzung (beim Gauleiter) abgehalftert hat. Dem schneidigen, an Heinrich Manns "Untertan" gemahnenden Spießer-Patrioten klingen auf der letzten Romanseite Militärmärsche entgegen, und er hört aus den kriegerischen Tönen "das unvergängliche Deutsche" heraus und hat "ein großes Gefühl". Stünde die Stelle nicht bei Willi Heinrich, würde man beim literarischen Quiz wohl auf Erich Maria Remarque tippen.