Ben, Hamburg

Der Stromableser hat es mir erzählt. Da lebt am Fürstenplatz ein Mann, der schon 1896 in das Haus eingezogen ist. Süss heißt er. Das Schild sieht man schon von weitem: "Gebr. Süss, Kunsttischlerei und Decoration." Doch es lebt nur noch ein Süss, und der ist achtzig Jahre alt.

Nun soll er umgesiedelt werden – zusammen mit den anderen sechstausend Einwohnern ringsherum. Denn ein großer Konzern will dort, wo jetzt noch die alten Häuser stehen, einen Büroblock errichten.

Ich ging zu Herrn Süss. Der Fürstenplatz ist kein Platz, sondern eine Straße. Sie ist schmal und lag früher im Halbdunkel. Aber seitdem ein paar Häuser ausgebombt sind, kommt mehr Licht hinein.

Herr Süss hatte einen Zettel an die Tür geheftet: "Falls sich niemand meldet, bitte das Treppenhausfenster öffnen und mich rufen. Bin in der Werkstatt."

Herr Süss war so klein, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Er trug drei Wolljacken und darüber einen grauen Arbeitskittel. Er sagte: "Sie wollen sich bestimmt Möbel ansehen."

Ich sah mir die alten Möbel an, und währenddessen begann Herr Süss von seinen Brüdern zu erzählen, mit denen er das Geschäft aufgebaut hatte. Sie hatten als Kunsttischler in London, Paris, Lausanne und München gearbeitet, und der Name Süss war bei Fachleuten immer hoch geachtet. Die Brüder sind nun längst tot, und er selbst kann kaum noch arbeiten. Aber er trägt einen Arbeitskittel, weil er sonst nicht leben kann. "Man wird mir eine andere Wohnung geben", sagt er, "aber ich brauche auch eine Werkstatt. Doch ich kann mir keine leisten – die Mieten heutzutage, wissen Sie."

Zweiundsechzig Jahre lang war seine Werkstatt neben der Wohnung. Wenn Herr Süss keine Werkstatt mehr hat, zieht er auch den grauen Kittel nicht mehr an. Und dann weiß er überhaupt nicht mehr, was er tun soll...