Auf deutschen Bühnen: Tardieus "Kammertheater" – Genets "Zofen" – Adamovs "Paolo Paoli"

Von Johannes Jacobi

Manche Autoren, die fürs Theater schreiben und modern sein wollen, leiden an einem nachgerade panischen Minderwertigkeitsgefühl. Sie sehen, daß in der Malerei die Gegenstandslosigkeit Trumpf geworden ist. Sie bemerken auch das Spiel mit der technischen Materie in der modernen Musik. Also müsse die Bühne nachholen, was ihr jene Künste voraus zu haben scheinen.

Einen Trugschluß bemerken solche Avantgardisten freilich nicht: Tonverbindungen und die Kombination von Farben, auch von Linien, regeln sich, wenn sie Kunst bedeuten, nach Gesetzen, die man als geistige Konventionen bezeichnen darf. Aus geistigen Gründen sind sie veränderlich. Unter bestimmten Voraussetzungen darf auch das Theater seine Materialien – zum Beispiel die Sprache, wie Ionesco es tut – auseinandernehmen. Das Jonglieren mit sinnentleerten Wörtern kann einen artistischen Reiz haben und darüber hinaus sogar einen ethischen Sinn bekommen, wenn dem Zuschauer dabei etwa die Sinnlosigkeit der alltäglichen Phrasendrescherei demonstriert wird.

Nur auf eins kann der dramatische Autor, auch wenn er nach Abstraktion strebt, nicht verzichten: auf den Menschen, der Verstehbares sprechen muß. Am Darsteller als notgedrungen leibhaftigem Menschen finden alle dramatischen Abstraktionsversuche eine natürliche Grenze.

Beckett und lonesco

Einige unserer modernsten Autoren bemühen sich dennoch, quasi gegenstandsloses, ja sprachloses Theater zu machen. Samuel Beckett geriet in seinem "Endspiel" an die Grenze des menschlich noch Sag- und Darstellbaren. Seine Personen existierten in Mülltonnen. Konsequenterweise schrieb Beckett als Nachspiel zu seinem "Endspiel" einen "Akt ohne Worte".