Von Thilo Koch

Aus Giacomo Casanovas Memoiren zitierte Thilo Koch in der vorigen Folge seiner Auseinandersetzung mit dem Lebensbericht dieses Mannes einen Abschnitt, der am sinnfälligsten demonstriert, was dem großen Epikureer des 18. Jahrhunderts die Liebe bedeutete. Schmerzlich berührt Casanova der Entschluß, sich von Marcolina zu trennen, die ihn mit allen Gründen der Vernunft darüber zu trösten versucht. Casanova erzählt:

Ich fühlte, daß dies alles wahr sei und daß meine Liebe mit ihren Wünschen übereinstimme. Aber mich hat stets eine Neigung beherrscht, mich vom Schicksal leiten zu lassen; vielleicht war es auch Furcht vor einer Verpflichtung, die mich hätte binden können; eine innere Furcht, über die ich mir selber keine Rechenschaft gab, die aber doch auf mich wirkte; und schließlich war es wohl auch die Heuchelei eines Wüstlings, der unwillkürlich und aller Überlegung zum Trotz mehr nach Veränderung als nach neuen Genüssen strebte. Mag es gewesen sein, was es wolle, genug, dies alles bewirkte, daß ich bei meinem Beschluß und in meiner Traurigkeit verharrte.“ (V,132,133.)

Noch einmal darf er sie lieben:

„Ich will nichts davon sagen, welch eine Nacht ich in den Armen dieser Sylphide verbrachte; denn mir würden die Farben fehlen, um sie auszumalen. Unaufhörlich fragte sie – mich immer wieder, wie ich mir mein eigenes Glück zerstören könnte, und sie hatte recht; denn ich begriff dies ebensowenig wie sie. Aber wie oft habe ich nicht in meinem Leben etwas getan, was mir zuwider war oder, was ich selber nicht begriff! Ich wurde aber durch eine geheime Kraft angetrieben, der ich absichtlich keinen Widerstand leistete.“ (V, 134.)

„Nachdem ich Marcolina in ihrem Wagen untergebracht hatte, umarmte ich sie zum letztenmal; ich habe sie erst elf Jahre später wiedergesehen.

Ich stieg zu Pferde, wartete neben ihrem Wagenschlag, bis der Postillon mit der Peitsche knallte, und sprengte dann mit verhängtem Zügel die Straße entlang, die ich am Tage vorher gekommen war. Ich ritt wie ein Verzweifelter, denn mir war zumute, wie wenn ich, um mich zu erleichtern, den Gaul zuschanden reiten und mich selber töten müßte. Aber außer in der Fabel des guten Lafontaine kommt der Tod niemals, wenn ein Unglücklicher ihn herbeisehnt. Ich ritt in sechs Stunden, indem ich nur zum Pferdewechseln anhielt, die achtzehn französischen Meilen von Pont-Beauvoisin nach Lyon. Nachdem ich mich in aller Eile entkleidet hatte, warf ich mich in das unglückselige Bett, worin ich vor dreißig Stunden in allen Wonnen der Liebe geschwelgt hatte. Ich hoffte im Traum eine Wirklichkeit wiederzufinden, deren Verlust ich tief beklagte. Aber ich fand sie nicht, denn ich schlief fest und friedlich und wachte erst um acht Uhr morgens auf. Ich hatte ununterbrochen etwa neunzehn Stunden geschlafen.