S. L., Berlin

Das Berliner Philharmonische Orchester hat den Krieg überlebt, nicht aber sein Heim. Die ebenso altväterliche wie akustisch vollkommene Philharmonie aus den achtziger Jahren, in der Bernburger Straße zwischen Potsdamer und Anhalter Bahnhof gelegen, ist in Trümmer gesunken. Seit dem Ende des Krieges spielen die Philharmoniker in verschiedenen Berliner Konzertsälen als Gäste: anfangs im ehemaligen Kinosaal des Titania-Palastes in Steglitz, seit 1954 in dem eleganten Konzertsaal der Hochschule für Musik am Steinplatz.

Fast sieben Jahre lang wird der Bau einer neuen Philharmonie nun schon geplant, und im Laufe der oft temperamentvoll betriebenen Planungsdebatten ist das neue Heim der Philharmoniker immer größer und immer teurer geworden, obschon noch kein Grundstein gelegt wurde. Noch 1952 wurden die Baukosten mit 4,5 Millionen Mark veranschlagt, aber vier Jahre später sollte das Projekt bereits 7 Millionen verschlingen. Die letzte Zahl, die der Senat dafür einsetzte, lautete auf 10,9 Millionen, doch rechnen die Sachverständigen jetzt schon mit runden 15 Millionen. Das Bauvolumen ist in der gleichen Zeit von zunächst 46 000 auf rund 100 000 Kubikmeter umbauten Raumes angeschwollen.

Die heftigsten Meinungsverschiedenheiten, fein säuberlich an den Parteifronten ausgetragen, tobten freilich nicht um die Finanzierung, sondern um den Standort der neuen Philharmonie. Kultursenator Tiburtius wollte sie mit dem Gebäudekomplex des alten Joachimsthalschen Gymnasiums in Wilmersdorf verbinden, dessen Fassade, unter Denkmalsschutz gesetzt, den neuen Konzertsaal gegen den Verkehrslärm der großen Durchgangsstraße abgedeckt hätte. Nahe Zoo und Kurfürstendamm wäre die Philharmonie dort leicht zu erreichen gewesen.

Ein anderer, von der SPD vertretener Vorschlag sah als Standort der Philharmonie hingegen den Tiergarten vor. Dem auf ein wiedervereinigtes Berlin gerichteten Auge würde sie sich dort als ein Glied der "Kulturachse" präsentieren, die sich durch den Tiergarten hindurch von der Museumsinsel über Staatsoper und Kongreßhalle bis zum Schillertheater und zur Städtischen Oper erstreckt. So argumentierten die Sozialdemokraten.

Diesem Tiergarten-Plan haben jetzt architektonische wie finanzielle Erwägungen ein so überzeugendes Gewicht gegeben, daß nun auch Kultussenator Tiburtius seine Bedenken aufgab. Am Tiergarten-Südrand wird nun der achteckige Konzertsaal Hans Scharouns ein faszinierendes architektonisches Pendant zur nördlich gelegenen Kongreßhalle darstellen.

Finanzielle Argumente schmolzen den letzten Widerstand fort: das vorgesehene Grundstück gehört dem Land Berlin und dem Bund zu gleichen Teilen. So endet der jahrelange Kampf um die Berliner Philharmonie in allgemeiner Harmonie, eine Ouvertüre in Dur, der hoffentlich ein ebenso wohltönendes Finale in Gestalt von Bundesmitteln folgen wird, auf die der Berliner Etat für den Neubau angewiesen ist.