Mit Verlaub – es begann mit Ceram! Ceram zeugte viele Kinder, so daß man heute schon von einem teils zivilisierten, teils halbwilden Stamm der Ceramiten sprechen kann. Das sind flinke, fleißige und meist recht geschickte Leute, die ganze Bibliotheken gewälzt haben, einen meterlangen Zettelkatalog benötigen und zwischen Scylla und Charybdis, zwischen profunder Gelehrsamkeit und unbeschwertem Geplauder mit vollen Segeln haargenau auf die Bestseller-Schatzinsel lossteuern.

Ein schon erprobter Häuptling dieses Stammes hat sich mit nicht geringem Ballast auf neue Fahrt begeben:

Herbert Wendt: "Es begann in Babel – Die Entdeckung der Völker"; G. Grote Verlag, Rastatt; 576 S., 226 Abb., 19,80 DM.

Der Haupttitel und das Umschlagbild sind auf den ersten Blick ein wenig irreführend, denn der Turmbau zu Babel und in seinem Gefolge die Sprachverwirrung, wie das Alte Testament sie erzählt, stehen hier, pars pro toto, für Aufbau und Entwicklung der gesamten Völkerfamilie des Erdkreises, wie die junge Wissenschaft der Völkerkunde sie uns Schritt für Schritt enträtselt hat.

Ein großer Vorwurf, eine gewaltige Aufgabe! Herbert Wendt hat eine Überfülle des Materials aus den zahllosen Werken aller Entdecker und Forscher zusammengetragen, die ihren Fuß auf geographisches, geschichtliches und kulturelles Neuland setzten, und läßt in einer für den harmlosen Leser nicht leicht zu überschauenden Ordnung eine wahre Sturzflut von Fakten und Hypothesen auf 576 Seiten niederprasseln. In der Einzeldarstellung stets höchst lebendig und anregend, dabei dankenswerterweise überall bemüht, seine großen und kleineren Gewährsmänner selber zu Wort kommen zu lassen, so daß die Zitate in Kursivdruck einen beträchtlichen Raum einnehmen.

Der erfreuliche Effekt dieser Methode besteht darin, daß der Leser in einen näheren Kontakt mit den Pionieren der Völkerkunde und Anthropologie gebracht wird und Anteil an ihrem Mühen und Kämpfen nimmt. Allerdings hätte zu solcher Erfreulichkeit auch gehört, daß die bibliographischen Angaben zu den Zitaten in jedem Falle genau und vollständig wären – was sie nicht immer sind, wohl als Folge der Überfülle und des Arbeitstempos. Ein kleiner Schönheitsfehler, der sich später unschwer beheben ließe.

Im übrigen: eine Entdeckungsgeschichte der Völkerkunde, die für viele zu einem rasch und vorzüglich orientierenden Nachschlagewerk werden wird. E. A. Greeven