Harold Macmillans Reise nach Rußland –

Von Anthony Sampsen

London, im Februar

Wenn Englands Ministerpräsident Harold Macmillan am Sonnabend nach Moskau abfliegt, so kann er die tröstliche Gewißheit mit auf die Reise nehmen, daß sein Land fast geschlossen hinter ihm steht. Mit glücklicher Hand für die leichte Geste hat er sein Vorhaben "als eine Art Erkundungstour" beschrieben. Der Ausdruck war mit Bedacht gewählt: Er sollte deutlich machen, daß an dem Besuch nichts Heimliches ist und nichts Unwiderrufliches, das die übrigen Mächte des Westens beunruhigen müßte. Freilich schmeichelt es den Briten ohne Zweifel sehr, daß Macmillan diese Reise allein unternimmt und so einen handgreiflichen Beweis dafür liefert, daß Großbritannien keineswegs immer von seinen Allianzen eingezäunt wird und auch daß die anglo-amerikanische Freundschaft nicht unbedingt bedeutet, man müsse in London stets auf Eisenhower warten.

Wieweit nun ist diese Reise ein Wahltrick. Gewiß ist sie für die Konservativen eine nützliche Reklame und eine Stütze ihres Anspruches, daß sie die Partei der Friedensmacher sind, die Leute, die eben die Sowjets zu nehmen wissen. Ein Karikaturist hat denn auch den Parteichef Lord Hailsham dargestellt, wie er gerade die alten Spitznamen für Macmillan – MacWonder und Supermac – durchstreicht und einen neuen an ihre Stelle setzt: Macoyan.

Mikojans Beispiel

Der Reiseerfolg Mikojans in Amerika hat die Engländer unleugbar stark beeindruckt, zumal es seit langem ihre Auffassung ist, Großbritannien komme gleichsam die Rolle des Psychiaters zu, der verhindern soll, daß die Amerikaner wegen Sowjetrußlands hysterisch werden. Macmillan mit seinen engen amerikanischen Kontakten (seine Mutter ist Amerikanerin) befindet sich bei seinem Bemühen, die Temperatur auf der Weltbühne zu senken, in einer besseren Ausgangsposition als irgendein anderer – jedenfalls als jeder sozialistische Ministerpräsident.