Moskaus "Schattenkabinett": das Parteipräsidium der KPdSU

Von Wolfgang Leonhard

Das Parteipräsidium ist nicht nur das höchste Gremium der sowjetischen Staatspartei, sondern das wichtigste Führungsorgan der Sowjetunion überhaupt. Da alle wichtigen Entscheidungen nicht in der Regierung, sondern im Parteipräsidium getroffen werden, sind dessen vierzehn Mitglieder die ausschlaggebenden politischen Führer der UdSSR.

Jedes Mitglied des Präsidiums ist dabei für einen bestimmten Aufgabenbereich verantwortlich. Die Aufteilung der Arbeitsgebiete unter den Mitgliedern des Parteipräsidiums ist zwar den verantwortlichen Funktionären bekannt, wird aber niemals veröffentlich. Nur aus der Tätigkeit einzelner Präsidiumsmitglieder, aus ihren Reden auf Plenarsitzungen und Parteikongressen lassen sich gewisse Rückschlüsse ziehen. Auch der XXI. Parteitag hat darüber einige Hinweise gegeben.

Neben Nikita Chruschtschow, der als Erster Sekretär der Partei und Ministerpräsident für die Gesamtleitung und allgemeine Politik verantwortlich ist, scheinen der Ukrainer Alexej Kiritschenko und der lange in Sibirien tätig gewesene Awerkij Aristow für Personalfragen des Apparates (in der Parteisprache: Kaderfragen) verantwortlich zu sein. Sie bestimmen weitgehend die Einsetzung und Absetzung von Funktionären im Partei- und Staatswesen. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist dabei Aristow für die Russische Republik (vor allem für die Kader in der Industrie) und Kiritschenko für die vierzehn nichtrussischen Republiken verantwortlich.

Frol Koslow gilt als die rechte Hand Chruschtschows für den Staatsapparat und dürfte eine ähnliche Rolle spielen wie Molotow unter Stalin in den dreißiger Jahren. Sein Referat auf dem Kongreß war deshalb auch allgemeinen Fragen des Staates und der Wirtschaft gewidmet.

Am schwierigsten zu bestimmen ist der Aufgabenbereich Nikolai Ignatows. Auf dem Parteitag sprach er eigentümlicherweise über die Landwirtschaft, aber seiner ganzen bisherigen Tätigkeit nach dürfte er sich vor allem mit innerparteilichen Fragen beschäftigen und wahrscheinlich in der Parteiführung die politische Oberaufsicht über den Staatssicherheitsdienst ausüben, der von staatlicher Seite her von dem erst 40jährigen Alexander Schelepin geleitet wird.