Wie macht man Genie sichtbar? Die bildenden Künstler können das in ihren Werken. Aber das Genie sichtbar machen, einer dieser Künstler zum Beispiel einen Maler? Der englische Film "Des Pudels Kern" (nach dem Roman von Joyce Cary "The Horse’s Mouth", jetzt in der Gondel, Hamburg) versucht es. Er braucht zwei Menschen dazu, einen Maler, von dem die gezeigten Bilder stammen, und einen Darsteller. Wer das Buch kennt, aus dem der Film einige wirkungsvolle Motive wiedergibt, dessen Phantasie wird arg beschnitten. Denn diese Bilder des dreißigjährigen englischen Malers John Bratby, der die umstrittene "Kitchen Sink" (Küchenausguß)-Richtung vertritt und Riesengemälde des Elends hervorbringt, sind modisches Mittelmaß. Die Filmleute vermeiden klug, sie allzu deutlich zu zeigen.

Aber da ist Alec Guinness, der Schauspieler, der selbst in die höheren Ordensgrade der Kunst gehört. Er ist jedesmal ein anderer ("Ladykiller", "Die Brücke am Kwai") – bis zu einem Grade, daß man Mühe hat, ihn wiederzuerkennen. Diesmal ist er mit hüpfenden, schlurfenden Schritten, Stoppelbart und in Lumpen der heruntergekommene, wegen leichter Vergehen im Gefängnis ein- und ausgehende, exzentrische, unappetitliche alte Maler Gulley Jimson, dessen lodernde Flamme in den Augen noch daran erinnert, daß er Meisterwerke malte, die von den Sammlern und Museen als "der frühe Jimson" geschätzt und gehütet werden. Bis eines Tages seine Bilder, wie die Kritiker schrieben, "einen fortschreitenden Zerfall" zeigen und bereits völlig unverständlich sind.

Alec Guinness gelingt es aber, darüber hinaus etwas von dem Genie an sich aufleuchten zu lassen – so wie Jimson oder Picasso das Wesen einer Blume oder einer Frau malen. Noch in Lumpen bewegt er sich voller Souveränität, Natürlichkeit und Charme. Er verständigt sich am besten mit den einfachen Leuten, deren Natürlichkeit und Sauberkeit er schätzt, und er bewegt sich ungezwungen in den Salons der Reichen und übt auch hier seine Faszination aus. Denn er ist, obwohl er in ewigen Nöten hinter dem Geld herjagen muß, unabhängig von Wohlstand und Besitz. Ganz frei, man muß es dreimal sagen, frei, frei! Einzig seinen Impulsen folgend, und daher in ewigem Streit mit der Disziplin, ist er ganz der Besessenheit und Leidenschaft verhaftet zu malen. Immer vor einem neuen Anfang, weil jedes Bild am Ende von einer neuen Vision, einer Eingebung überschattet wird, vor der das vollendete Werk nicht besteht. Jedem fertigen Bild folgt der Seufzer: "Ich habe es mir ganz anders gedacht." Mögen die Maler heute auch bürgerlicher leben und aussehen, die Genies unter ihnen sind genauso weit von dieser geordneten Umwelt entfernt, ohne moralische Gesetze, außer, wenn es sich um ihre Kunst handelt.

Der ehrlich und mit Liebe gemachte Film (Regie: Ronald Neame; United Artists/John Bryan), der ein paar Episoden aus dem dahintreibenden Leben Gulley Jimsons erzählt, hält sich weidlich an den vordergründigen Spaß, an diesen englischen fun, der bisweilen an die lärmende Klamotte heranreicht. Er weicht am Schluß dem tragischen Ende aus. Jimson wird nicht von der letzten Kirchenwand, die er bemalte und die von der sturen Gemeindeverwaltung achtlos eingerissen wird, zu Tode getroffen. Er fährt mit seinem verrotteten Hausboot auf die Themse und ins offene Meer hinaus. Aber wie der alte Mann hier noch beim Anblick einer großen leeren Schiffswand, an der er vorbeisegelt, mit seinen Händen Linien in die Luft zeichnet, die dieser freien Fläche erst Leben geben sollen, das sagt ein letztesmal, was es wirklich heißt, das Malen zu lieben und malen zu müssen. Denn das ist des Pudels Kern: diese explosive, dynamische, absolut unaufhaltsame Gewalt, mit der Bilder der Genies entstehen. "Ich hatte eine schwere Krankheit: galoppierende Kunst‘", so lustig formuliert es Jimson in Carys Buch.

Auch in diesem Film merkt man noch, daß sich Tränen hinter dem Gelächter verbergen. Neben Alec Guinness treten auch als Randfiguren ein paar richtige Menschen auf; Sarah (Renée Houston), einst Geliebte und Modell und jetzt eine betuliche Matrone, in der noch das alte Feuer rumort; die energiegeladene häßliche alte Coker (Kay Walsh), die das alte Scheusal Jimson vor sich selbst retten will und die gepflegten, reichen und großzügigen Leute. Sie lieben es, teure Bilder zu sammeln, die sie, aus was für Gründen immer, möglichst billig kaufen wollen. Und kein einziger kurvenreicher Star ist zu sehen, der mit pikanten Enthüllungen (wie sonst in Filmen üblich) über die Leere hinwegtrösten müßte. Sehr pointiert die Musik nach Motiven von Prokofieff.

Alec Guinness schildert im folgenden Beitrag, warum er auch das Drehbuch zu dieser hintergründigen Filmhumoreske nach einem hinreißenden Buch voller Weisheiten schrieb. (Das Buch des zu früh gestorbenen englischen Autors Joyce Cary, das vor zehn Jahren im Krüger-Verlag, Hamburg, verlegt wurde, ist in der hervorragenden Übersetzung von Erich Nossack neu erschienen.) Eka von Merveldt