H. W., Wesselburen Man sagt den Dithmarschern nach, sie hätten harte Köpfe und einen eisernen Willen. Die Wesselburener Stadtvertreter bewiesen es in diesen Tagen aufs neue – in jenem Privatkrieg mit dem Kultusminister ihres Landes nämlich, in dem es um die Person des völkischen Barden Adolf Bartels geht, der als Verfasser des Romans Die Dithmarscher ebenso berühmt, wie als Urheber antisemitischer Haßgesänge berüchtigt geworden ist (siehe DIE ZEIT, Nr. 2, 1959).

Die Wesselburener hatten 1933 ihrer Mittelschule den Namen ihres damaligen Ehrenbürgers gegeben – denn Adolf Bartels, 1862 zu Wesselburen geboren und 1945 zu Weimar gestorben, war Ehrenbürger der kleinen Norderdithmarscher Stadt. Diese sorgte auch dafür, daß 1958 seine Urne und die seiner Frau von Weimar nach Wesselburen übergeführt und dort würdig bestattet wurden.

Schleswig-Holsteins Kultusminister, der mit der Nibelungentreue der Norderdithmarscher Kleinstadtbürger weniger einverstanden ist, hatte es Ende vergangenen Jahres durch einen "unantastbaren Verwaltungsakt" als untragbar bezeichnet, daß die Wesselburener Mittelschule den Namen Adolf Bartels in Zukunft weiterführe. Eine bereits erteilte Genehmigung wurde vom Ministerium daraufhin schleunigst zurückgezogen.

Die Wesselburener Stadtväter waren freilich nicht die einzigen, die mit der Entscheidung ihres Kultusministers nicht einverstanden waren. Schon vor ihnen hatte der Zwölferrat des Dithmarscher Geschlechterbundes (dem rund 15 000 Dithmarscher Einzelfamilienmitglieder angehören), die Anordnung als schwer verständlich bezeichnet. Die Ratsherren indes blieben nicht bei einem papiernen Protest: Sie beschlossen jüngstens einstimmig, das Gutachten eines anerkannten Verwaltungsrechtlers über die Frage einzuholen, ob Minister Osterloh überhaupt berechtigt sei, den von der Stadtvertretung beschlossenen Namen zu verbieten. Eine Stadtvertretung sei schließlich nicht Befehlsempfänger eines Ministers. Die ministerielle Anordnung wolle man zwar zur Kenntnis nehmen, aber man wolle das Rechtsgutachten abwarten ...

Das allerdings wird noch eine Weile auf sich warten lassen. Und so lange wird die "Adolf-Bartels-Schule" vor allerhand Schwierigkeiten stehen. Denn, konsequent wie sie war, lehnte die Stadtvertretung auch den Antrag der Schule auf ein neues Dienstsiegel ab. – Und das, obwohl die Schulbehörde des Kreises inzwischen angeordnet hat, daß die Bezeichnung "Adolf-Bartels-Schule" weder in amtlichen Schreiben noch in Zeugnissen zu führen sei...

Um die Fehde entgegen alter Dithmarscher Tradition dennoch nicht zu scharf werden zu lassen, wollen die Wesselburener eine Kommission nach Kiel schicken, die Minister Osterloh ihren Standpunkt darlegen soll.

Wozu Wesselburens Bürgermeister Jans erklärte: Adolf Bartels sei allein wegen seiner Verdienste um die Kulturstätten Dithmarschens geehrt worden. Seine antisemitischen Schriften hätten in seiner Heimat nie Anklang gefunden. Und er habe dort auch nie versucht, seine Ansichten zu vertreten.

Die Frage ist nur: Kann man ihn teilen, den Adolf Bartels? In einen verdienten Heimatforscher und – ritsch-ratsch – einen verbohrten Antisemiten? Hat nicht der eine wie der andere Bartels seinen Most aus demselben Faß geholt?