In Geldangelegenheiten hört bekanntlich die Freundschaft auf. Wie sehr der Volksmund in dieser Beziehung recht hat, mußte jüngst eine deutsche Regierungsdelegation am Wiener Ballhausplatz erfahren. Von der sprichwörtlichen Wiener Gemütlichkeit war jedenfalls nichts mehr zu spüren, als die deutschen Unterhändler die vor längerem schon angemeldeten österreichischen Entschädigungsansprüche als zu weitgehend ablehnten.

Bescheiden haben sich die Österreicher dabei nicht gerade gezeigt. Für die Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts wünschten sie allein 500 oder gar 900 Millionen DM, je nachdem, welcher Geschädigtenkreis in die Aktion einbezogen und welche Entschädigungsprozentsätze festgelegt werden. Was die Bundesregierung acht früheren Feindstaaten an Wiedergutmachung zu leisten versprochen habe so argumentierte die österreichische Verhandlungsseite –, könne sie österreichischen Geschädigten schlechterdings nicht vorenthalten.

Der deutsche Verhandlungsführer verwies seinerseits auf den im österreichischen Staatsvertrag niedergelegten Forderungsverzicht, auf Bestimmungen des Londoner Schuldenabkommens und auf die weitgehende Beschränkung der deutschen Wiedergutmachungsgesetzgebung auf innerdeutsche Schadenstatbestände. Diese Begrenzung erfolgte übrigens seinerzeit mit ausdrücklicher Zustimmung der internationalen Verfolgtenorganisationen, und nicht von ungefähr bedrängen neuerdings diese Verbände – in klarer Kenntnis der Rechtslage – ausschließlich die österreichische Regierung, sich ihrer Wiedergutmachungsverpflichtung endlich bewußt zu werden.

Und nun soll dieser Ball Bonn zugespielt werden! Ohne hier von einer österreichischen "Mitschuld" an den Vorgängen im Dritten Reich sprechen zu wollen, wird man nicht umhin können, auch hier die Dinge in ihrem historischen Ablauf zu sehen. Und doch darf trotz allem die menschliche Seite des Problems nicht außer acht gelassen werden. So sagte denn auch die Bundesregierung zu, bei der Auslegung der deutschen Wiedergutmachungsgesetze zur Vermeidung besonderer Härtefälle Österreichern gegenüber großzügig zu verfahren. Diese deutsche Bereitschaft wurde aber bei den Wiener Verhandlungen offiziell überhaupt nicht zur Kenntnis genommen. Ist damit den österreichischen Verfolgten ein Liebesdienst erwiesen worden?

Nicht minder unnachgiebig zeigten sich die Österreicher bei der Behandlung des zweiten deutsch-österreichischen Streitproblems. Hier geht es um die Entschädigungen jener 330 000 Heimatvertriebenen deutscher Volkszugehörigkeit, die nach dem Kriege in Österreich Aufnahme fanden. Die Segnungen einer Lastenausgleichsgesetzgebung mußten sie bis heute missen – ein gewiß bedauerlicher Tatbestand. Auch hier wurde aber das deutsche Entschädigungsangebot, das übrigens ausdrücklich als "entwicklungsfähig" bezeichnet wurde, nicht zur Kenntnis genommen. Warum: Weil es bei einer noch zu treffenden Lastenausgleichsregelung einen angemessenen österreichischen Finanzierungsbeitrag voraussetzte. Wäre eine solche österreichische Mithilfe aber nicht auch gerechtfertigt? Denn die Stärkung des österreichischen Wirtschaftspotentials durch den Flüchtlingszustrom kann gewiß nicht geleugnet werden.

Und doch besteht noch eine kleine Hoffnung, daß die nun über Wien und Bonn aufziehenden Gewitterwolken wieder verschwinden werden. Nach den österreichischen Herbstwahlen wird der in diesen Problemen liegende innenpolitische Sprengstoff wohl entschärft sein. Vernunft und Sachlichkeit werden dann sicherlich wieder zu ihrem Recht kommen – hoffentlich. G. K.