Die AEG legt ihren Geschäftsbericht 1957/58 vor. Nach ihm war das abgelaufene Geschäftsjahr gut. Der erwirtschaftete Ertrag erlaubt es, die Körperschaftssteuer-Ersparnisse an die Aktionäre weiterzugeben und eine auf 12 v. H. erhöhte Dividende zu zahlen. 1956/57 waren es 10 v. H. Der Umsatz ist nochmals um 6 v. H., und zwar auf 1113 Mill. DM, insgesamt in der AEG auf 1955 Mill. DM gestiegen. Im Vorjahr betrug die Umsatzsteigerung 13 v. H., davor waren es 20 v. H.

Die Expansionskurve flacht also ab. Hierauf muß sich, wie Dr. Boden vor der Presse ausführte, das Unternehmen einstellen. Andererseits liegt auf ihm der Zwang zur ständigen Rationalisierung. Das führt, ob man es für gut hält oder nicht, zu Kapazitätserweiterungen, und zwar nicht nur bei der AEG, sondern auch bei anderen Unternehmen, und zwar unabhängig davon, ob für eine entsprechend erhöhte Produktion eine Nachfrage vorliegt oder nicht. Mit einfachen Worten, die Fabriken werden ständig größer, die Nachfrage beginnt sich dagegen zu stabilisieren. Die Folge ist ein verschärfter Wettbewerb und Druck auf die Preise. Hierauf muß sich auch die AEG einstellen.

Einige Sorge bereitet dabei das Exportgeschäft in den Entwicklungsländern. Der Ausbau der nationalen Industrien verlangsamt sich dort, vor allem sind die Aufträge von Großanlagen zurückgegangen. Im laufenden Geschäftsjahr bekommt das die AEG, weil die alten Aufträge noch in Auftrag sind, noch nicht zu spüren. Es muß jedoch für Anschlußaufträge gesorgt werden. Hauptproblem ist die langfristige Finanzierung. Darum kommen wir nicht herum, denn mittelfristige Finanzierungen, wie wir sie bisher hatten, reichen hierfür nicht aus. Die Amortisation erstreckt sich über viel längere Zeiträume. Das Beispiel Türkei gibt zu denken. Es muß also auf diesem Gebiete etwas geschehen. Multilaterale Anleihen, so vor allem Weltbankanleihen, sind gut, aber sie sollten. durch direkt gegebene Kredite ergänzt werden. Wenn so reiche Länder wie die USA und die Schweiz etwas für ihre Nationalindustrien durch Anleihen tun können, die mit der Verpflichtung verbunden sind, den Gegenwert im Gläubigerland auszugeben, dann sollte auch die Bundesrepublik vor gleichen Maßnahmen nicht zurückschrecken. Dafür bedarf es keiner neuer Banken, sondern nur der entsprechenden Mittel.

Man sieht also, auch in der dynamischen Elektroindustrie sind die Zeiten, in denen die Exportgeschäfte keine Sorgen bereiteten, vorüber. Ausfuhrpflege wird wieder zu einer Notwendigkeit. Es heißt so auch im AEG-Geschäftsbericht, der Leistungsfähigkeit der Auslandsorganisation komme besondere Bedeutung zu. Am Rande sei in diesem Zusammenhang bemerkt, daß Forschung und Entwicklung nicht minder bedeutsam sind. In unserer schnellebigen Zeit muß dem Käufer ständig etwas Neues geboten werden. Nicht minder bedarf der eigene Fertigungsapparat ständiger Rationalisierung. Investitionen stehen daher auch weiter im Mittelpunkt der Überlegungen.

Der Zugang zum Anlagevermögen betrug rund 85 Mill., was 10 Mill. mehr sind als im Vorjahr. Über Abschreibungen wurden dabei 61 Mill. DM finanziert. Für den Rest wurden Kapitalmarktmittel beansprucht. Sie standen aus der Kapitalerhöhung und aus der Wandelanleihe von 1958 zur Verfügung. Diese Mittel wurden nicht voll verbraucht. Entsprechend ist die Liquidität, des Unternehmens gut. Sie wird im Verlaufe des Jahres etwas nachlassen, da das Investitionsprogramm 1958/59 – es wird in etwa den gleichen Umfang haben wie das des Vorjahres – über Abschreibungen und Liquiditätsreserven finanziert werden soll. An den Kapitalmarkt will die AEG in diesem Jahre nicht herantreten.

Geschäftsbericht, Bilanzstudium und die Ausführungen auf der Pressekonferenz vermitteln den Eindruck, daß es der AEG nach wie vor gut geht. Das laufende Geschäftsjahr, von dem die erste Hälfte bald vorüber ist, hat sich durchaus befriedigend angelassen. Nichts spricht dafür, daß es schlechter wird. Natürlich, die Zeit einer stürmischen Expansion ist vorüber.

Wirklich ernste Sorge bereitet allein Berlin. Immerhin beschäftigt die AEG dort 30 000 Menschen. Das bedeutet eine Verpflichtung, der durch Verstärkung der Rücklagen um 3,7 Mill. DM in einem gewissen Umfange Rechnung getragen wurde. Dr. Boden meinte, an sich hätte die Berliner Situation Anlaß gegeben; von einer Dividendenerhöhung abzusehen. Dazu hat man sich nicht entschlossen. Die AEG, die sich aus ihrem Herkommen heraus mit Berlin besonders verbunden fühlt, ist alles andere als nervös. Dr. Boden: "Wir investieren in Berlin das, was wir für richtig halten, und lassen uns hierbei auch nicht durch die gegenwärtige politische Situation beeinflussen." W. Ringleb