Wenn sich die weltpolitische Situation, die ohne Zweifel eine Belastung für die Wertpapiermärkte darstellt, auf die Aktienkurse in den zurückliegenden Tagen nur wenig ausgewirkt hat, dann ist dies in erster Linie den verschiedenen Investment-Neugründungen zu verdanken. Allein drei Fonds mit europäischen Spitzenwerten sind in letzter Zeit ins Leben gerufen worden: zwei in der Schweiz und einer in Luxemburg. Da es in der Praxis immer nur ein bestimmter. Kreis von Aktien ist, die für diese Fonds in Frage kommen, und da die Nachfrage nach Zertifikaten neuer Fonds erfahrungsgemäß immer sehr lebhaft ist, mußte es in diesen Werten zu Kurssteigerungen kommen. So erklärt sich die feste Haltung der IG-Farben-Nachfolger, vor allem von Siemens, von AEG und der Großbank-Aktien. In den Hauptaktienwerten anderer Länder machte sich die "Gründerzeit" weniger bemerkbar, weil hier die Marktenge, wie sie in der Bundesrepublik nun schon sprichwörtlich geworden ist, eine geringere Rolle spielt.

Besonders erfreulich ist, daß sich die deutsche Bankenkundschaft nicht allein über europäische Investment-Zertifikate an ausländischen Unternehmen beteiligt, sondern auch direkt Aktien europäischer Spitzengesellschaften erwirbt. Besonders große Beträge konnten im Hinblick auf die bevorstehende Börseneinführung der Mor.tecatini-Aktien an den deutschen Börsen in italienischen Werten umgesetzt werden. Lebhaftes Interesse bestand für Fiat, Edison und Pirelli. Von den holländischen Papieren wurden Philips, Unilever, Robeco, AKU und Royal Dutch bevorzugt. Gekauft wurden daneben an französischen Werten: Michelin, Peugeot, Citroën, Kuhlmann und Saint Gobain.

Das Abfließen großer Beträge in ausländische Aktien hat den Überdruck an den deutschen Börsen erheblich gemildert und auf die wenigen Spitzenwerte beschränkt. Die anderen großen Marktgebiete, vor allem der Bereich von Eisen, Stahl und Kohle, wurden eher vernachlässigt. Die Vorgänge in Belgien haben auf die Stimmung gedrückt und manche Montan-Aktionäre veranlaßt, einen Teil ihrer Papiere zu realisieren. Begreiflicherweise bestand auch für Textilaktien nur ein begrenztes Anlageinteresse.

Während also ein großer Teil der deutschen Aktienwerte seine Kurse kaum verändert hat und sogar noch kleinere Verluste hinnehmen mußte, konnten wieder andere erhebliche Gewinne erzielen. Im Vordergrund standen in dieser Beziehung die Aktien der Farbwerke Hoechst, wo nahezu alle Altaktionäre von ihrem Bezugsrecht Gebrauch gemacht und die jungen Aktien selbst bezogen haben. Auf diese Weise wurde es sehr schwierig, die erforderlichen Spitzenbeträge zu beschaffen. Kurssteigerungen auf über 400 v. H. hinaus waren die Folge.

Die Spekulation wandte sich nunmehr verstärkt wieder den sogenannten Gratisaktien-Aspiranten zu. Die parlamentarische Behandlung des Gesetzes, das die steuerfreie Umwandlung ausgewiesener Rücklagen in Aktien erlaubt, macht Fortschritte. Zu den Gesellschaften, die in der Lage und auch bereit sind, Freiaktien auszugeben, zählen beispielsweise Karstadt und Kaufhof. Beide Gesellschaften erreichten in diesen Tagen Spitzenkurse. Ganz überraschend haben auch noch einige Hypothekenbanken beträchtliche Gewinne erzielt.

Am Rentenmarkt ist der Start mit den fünfprozentigen Anleihe-Emissionen recht erfolgreich verlaufen. Im März werden die Länder Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen mit Anleihen folgen. Die Bundesbahn hat ebenfalls eine Emission angekündigt. Eine zunehmende Rolle spielen bei den festverzinslichen Werten die Tauschoperationen. Man trennt sich zunehmend von den "kündigungsgefährdeten" Werten, also in der Hauptsache von den "Achtprozentern", um dagegen Emissionen mit einer längeren Laufzeit zu erwerben. Kurt Wendt