Von Alfred Kantorowicz

Als der Literaturhistoriker Alfred Kantorowicz vor anderthalb Jahren die DDR verließ und in die Bundesrepublik kam, war er zunächst vor allem ein aufsehenerregender "Fall": ein prominenter politischer Flüchtling. Das Politische haftet ihm immer noch an – und, wie es scheint, mehr als Kantorowicz selber lieb ist. Er will weniger (polit isch) gelobt und mehr (wissenschaftlich) gehört werden, auf dem Gebiet, auf dem er zu Hause ist: als Literaturhistoriker und Kritiker. Der folgende Aufsatz weist die Berechtigung erneut aus. Kantorowicz weiß nicht nur sehr vieles, was wir in der Bundesrepublik nicht wissen. Er weiß auch, im Gegensatz zu vielen Menschen, "zu welchem Ende" man heute in Deutschland Literaturwissenschaft auch betreiben könnte – oder betreiben sollte.

Vor nunmehr hundertundfünfzig Jahren, als ebenfalls Notzeiten in deutschen Landen waren, hat. ein deutscher Philosoph und Schriftsteller in seinen Reden an die deutsche Nation vorgedacht und vorgesprochen, was heute wieder unsere Aufgabe, unsere Verantwortung, unsere Passion – in jeglicher Bedeutung – ist. Johann Gottlieb Fichte mahnte:

Was will denn der vernünftige Schriftsteller und was kann er wollen? Nichts anderes, denn eingreifen in das allgemeine und öffentliche Leben und dasselbe nach seinem Bilde gestalten und umschaffen; und wenn er dies nicht will, so ist alles sein Reden leerer Laut, zum Kitzel müßiger Ohren ... Das edelste Vorrecht und das heiligste Amt des Schriftstellers ist dies, seine Nation zu versammeln am eigentlichsten und dringendsten wird es sein Amt in dieser Zeit, nachdem das letzte äußere Band, das die Deutschen vereinigte... auch zerrissen ist.

Solche Beschwörung mag allen, die die Welt rein stofflich sehen, wie leeres Gewäsch anmuten. Da in ihrem Kalkül nur die Anzahl der verfügbaren Polizisten, Divisionen, Tanks, Bomben und Raketen zählt, so können sie der ihnen fremden und schon darum nicht geheuren Macht des Wortes keinerlei Einflußnahme zuerkennen.

Die Gesellschaft von heute heischt Manager, nicht Mentoren; Funktionäre, nicht Grübler; Durchführer, nicht Denker; Ja-Sager, nicht Fragesteller; Mitmacher, nicht Zauderer; Atomspalter, nicht Haarspalter. Dichter, Denker sind heute kaum noch als Dekorationsstücke bei den Auftritten der Machthaber erwünscht. Die Luftikusse sollen sich auf ihre Weise nützlich machen, die Leute unterhalten, für Lebensfreude sorgen zur Erhöhung der Arbeitsproduktivität und "im Ernstfall" als Propagandakompanie zur Verfügung stehen.

Aber den Regierenden dreinreden wollen, sich direkt an den Menschen wenden, ihn zur Versöhnung, zum Nachdenken, zum Verständnis dafür erwecken, daß es auf der Palette der Zeitgeschichte nicht nur die Farben Schwarz, und Weiß gibt – das, ja, nun ja ... "drüben" ist es Hoch- und Landesverrat, und einige wenige, die es versucht haben, sind zum Schweigen gebracht worden. Und hier? Nicht die Aufgabe des Flüchtigen, der hier Aufnahme gefunden hat, kann es sein, zu untersuchen, inwieweit manche der Erscheinungen, die die beklagenswerte geistige Entfremdung zwischen Menschen diesseits und jenseits der Demarkationslinie zur Folge haben, auch hier zu finden sind.