Paris, Ende Februar

Die ligne naturelle, die natürliche Linie – mit mehr oder weniger deutlicher Taillenbetonung – hat den Sack abgelöst, so lauteten die letzten Berichte aus Paris, in denen sich die Armut tendenziöser Modeberichterstattung offenbart. Denn mit der gewaltsamen Hervorhebung einer einzigen Facette wird die modische Entwicklung auf eine so unnatürliche Formel gebracht, daß nur der Karikaturist, nicht aber die Frau, noch weniger die Konfektion und der Einzelhandel, auf ihre Kosten kommen. Das willkürliche Zusammenpressen von Tausenden reiflich durchdachter und mit ingeniöser Kleinarbeit durchgeführter Vorschläge in einen Slogan hat in der letzten Zeit die Klage auftauchen lassen, der Modewechsel sei viel zu rasch und zu abrupt, um überhaupt noch ernst genommen zu werden. Das Herauf und Herunter der drei Punkte des Blickfangs des Kleides – Ausschnitt, Rocklänge und Taille – sind, ebenso wie die Verschleierung der Silhouette durch Sack- oder Etui-Kleider, nur ein Gerüst, das wenig über das lebendige Bild der Frau aussagt.

Sogar die Pariser Haute-Couture übte sanfte Kritik an der Sensationshascherei der Modeberichterstattung. In Wirklichkeit hat sich das Tempo der Mode seit dem Bestehen der Pariser Haute-Couture wenig geändert. Was es rapider und atemloser erscheinen läßt, so meinte dieser Tage Yves St. Laurent vom Hause Dior, ist in der Tatsache zu suchen, daß ein bestimmtes Modebild heutzutage oft den Weg vom Pariser Haute-Couture-Salon bis auf die Straße im Blitztempo zurücklegt. Die verwirrende Geschwindigkeit, mit der ein neuer Akzent als "letzter Pariser Schrei" gekennzeichnet, gepriesen, kritisiert und hier und da ohne viel Überlegung als richtungweisend akzeptiert wird, schaltet den Reifungsprozeß aus, der einer modischen Inspiration wie einem jungen Wein das richtige Aroma und die Bekömmlichkeit verleiht. Hier liegt auch einer der Gründe, warum sich die Stimmen der Frauen mehren, die meinen, daß gegenwärtig eine Mode schon passé erscheint, bevor man sie tragen und sich daran freuen kann...

So kommt die Mode in Verruf. Man braucht sich nur vor Augen zu halten, daß in den dreißiger Jahren und sogar noch zur Zeit des "New Look" ein Trend mindestens ein bis zwei Jahre brauchte, um populär zu werden, während Sack und Trapez knapp einen Monat nach der Pariser Premiere schon im Schaufenster anzutreffen waren. Man kann ruhig sagen, daß diese Art überstürzter Modellverwässerung, die dem Hersteller keine Zeit zum organischen Umarbeiten und Variieren läßt, eine der Hauptursachen der Seufzer über die nicht geräumten Lager ist.

Nun haben wir also mit der "natürlichen Linie" endlich eine Mode, an der auch der Nörgler nichts aussetzen kann ... mit Ausnahme jenes Einkäufers, der nach seiner Rückkehr von Paris darauf brennt, dem Chef und den Kunden seines Hauses etwas Einmaliges und noch nie Dagewesenes vorzusetzen. Er – derselbe, der über die Unverkäuflichkeit der "Tulpenlinie", "A-Silhouette", "Baby-Doll-, Sack- und Empirestil" gesagt hat: "... ja, in den Größen 40 und 42 kann man sie noch anbieten, aber wie sehen die Sachen nachher in 44, 46 oder gar 48 aus – lächerlich und nicht loszuwerden" – jammert jetzt, daß "nun alle dasselbe machen" werden, und daß man mit dieser ligne naturelle keinen Hund hinter den Ofen hervorlocken kann.

Was immer auch die Haute-Couture vorschlägt, sie wird es niemals – und das ist gut so – allen recht machen. Mode heißt Wandel...

Während des großen Banketts, das die Fashion Group of Paris in den Sälen des neuen UNESCO-Gebäudes gab, überraschte M. Jacques Heim, der Präsident der Chambre Syndicate de la Couture Parisienne, die anwesenden amerikanischen Einkäufer mit dem Plan, Passe-Partouts zum Besuch der Couture-Häuser einzuführen. Um das Projekt des Altmeisters der Haute Couture voll würdigen zu können, muß man wissen, daß bisher jeder Einkäufer nur diejenige Kollektion sehen konnte, für deren Besuch er eine Kaution – oft viele Tausende Mark – hinterlegt hatte. Wenn auch dieser Betrag später auf seine Einkäufe angerechnet wurde, so reißt diese Vorschrift doch – besonders bei den "teuren" Couturiers wie Dior, Balmain, Cardin, Balenciaga und Givenchy – ein beträchtliches Loch in den individuellen Ausgabenetat, und der Pariser Gast war aus finanziellen Erwägungen häufig gezwungen, von dem Besuch weiterer Salons, die ihn vielleicht auch interessiert hätten, abzusehen.