Müssen Kulturfilme so sein?

Ich beging den Fehler, pünktlich im Kino zu erscheinen. So sah ich außer dem Film, für den ich das Eintrittsgeld bezahlt hatte, noch ein halbes Dutzend anderer. Unter anderem einen "Kultur"-Film; diesmal nicht über die Holztäfelung an der Tür zum x-hundertjährigen Rathaus von Linnenburg, sondern einen über deutschen Milchkäse.

Auf der Leinwand zwei "Werktätige". Der eine trinkt Milch, der andere eine weniger gesunde Flüssigkeit. Der mit der Milch redet auf den anderen ein, auch Milch zu trinken. Der andere ist ein Zweifelnder, wie das meist Leute sind, die bekehrt werden sollen. Er fragt besorgt, ob man sich darauf verlassen könne, daß die Milch auch immer schön frisch sei. Darauf der andere: "Aber wenn du nur wüßtest, Karl, mit welcher Sorgfalt die verantwortlichen Stellen die Reinheit und Frische der Milch überwachen, so würdest du das nicht fragen..." (Es fällt jedem auf, daß der Mann genauso spricht, wie ein Arbeiter sich mit seinem Kumpel in der Pause unterhält, frisch und frei von der Leber weg – wie im Leitartikel.) Um den anderen Pausierenden zum Milchtrinker und die Milcherzeugnisse herstellenden Firmen zufrieden zu machen, geht es jetzt los (für die Bearbeitung der Beschwerden der deutschen Milchindustrie gegen diese Zeilen habe ich zwei Sekretärinnen engagiert, ob das reichen wird?): Die ganze Milchbereitung endet beim Käse, beim deutschen Edelkäse natürlich (was ist nicht edel? Vielleicht die Frauen nicht mehr, denn Edelfräulein sind ja wohl nicht mehr vorhanden!)

Im Anfang war – die Kuh. Das genügt aber nicht, es muß eine Almkuh, eine Edelkuh sein. Die Milch wird also gemolken, in Bottiche getan, von der Alm heruntergeschafft, in die Molkerei gebracht, verarbeitet. Vor allem aber wird sie untersucht, untersucht und noch einmal untersucht. Da wird gefiltert, destilliert, gesiebt, gekocht, geschüttelt, gerüttelt, elektrifiziert, die arme Milch ist zuletzt nicht mehr zu erkennen. Sogar Schwefelsäure setzt man ihr zu, und da wird sie sauer und dann zu Käse. Auch der wird untersucht. Da wird gefiltert... na, und so weiter. Dann sehen wir das deutsche Edelprodukt. Außerdem sehen wir würdige Männer in weißen Wissenschaftlerkitteln, die den Zuschauer keines, den vor ihnen aufgebauten Käse aber vieler anerkennender Blicke würdigen. Zuerst halten sie ihn an die Nase, das riecht so schön und ist appetitlich. Dann beißen sie herzhaft hinein, Verzeihung, Wissenschaftler beißen ja nicht herzhaft, sie "entnehmen eine Geschmacksprobe zu Studienzwecken". Die weisen weißen Männer machen zufriedene Mienen. Dafür werden sie auch schließlich bezahlt, von wem, das werden wir gleich sehen. Ganz zum Schluß erblickt man noch einen Roboter, der das Edelkäse-Endprodukt versandfertig in große runde Dosen packt. Ihm helfen schmucke Mädchen in weißen Kitteln mit weißen Käppies auf den blonden Köpfchen. Ganz zufällig läuft eine Käseecke über die Leinwand, auf der man die Marke mit dem Namen des Herstellers dieses edlen Käses erkennt. Na, so was. Na, so ein Zufall. H. Sehn.