J. K. Paris, Ende Februar

General de Gaulle hat mit politischem Fingerspitzengefühl erkannt, daß eine der Voraussetzungen für die Herstellung friedlicher Zustände in Algerien die rasche wirtschaftliche und soziale Gesundung des Landes ist. Den Algeriern wird wirtschaftlicher Wohlstand nicht nur für den Fall, daß sie sich mit Frankreich arrangieren, versprochen werden; die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen soll sie zu einer Einigung mit der Metropole ermuntern.

Der "Plan von Constantine" – nach der wirtschaftspolitischen Rede genannt, die de Gaulle im Oktober letzten Jahres in der algerischen Stadt Constantine gehalten hat – zeichnet den Rahmen für dieses große Vorhaben. Er sah zusammengefaßt vor: die Schaffung von 400 000 neuen Arbeitsstätten in den nächsten fünf Jahren, die Anpassung der Löhne an ein mit den Sätzen in der Metropole vergleichbares Niveau, den Bau von 200 000 Wohnungen für eine Million Menschen, die Verteilung von 250 000 ha landwirtschaftlicher Nutzfläche an algerische Kleinbauern und den Bau von Schulen für 1,6 Millionen algerische Kinder.

Ein oberster Rat zur Planung der algerischen Wirtschaftsentwicklung ist bereits eingesetzt worden; am 10. Februar hielt er seine erste Arbeitssitzung ab. Man kam ohne Mühe überein, daß es sich nicht darum handeln kann, in Algerien um jeden Preis Industrien aus dem Boden zu stampfen, sondern einen größeren Teil der untätigen algerischen Bevölkerung in den Arbeitsprozeß zu bringen. Dafür stehen für dieses Jahr rund 100 Mrd. frs. staatliche Gelder zur Verfügung. Man ist der Ansicht, daß das Privatkapital etwa den gleichen Betrag aufbringen muß.

Dem Privatkapital werden bedeutende Steuervergünstigungen für industrielle und gewerbliche Neuanlagen in Algerien gewährt. Auf Ausrüstungen werden Prämien, die bis zu 40 v. H. der Kosten gehen können, gezahlt. Die Nationalität der Investoren spielt bei der Gewährung dieser Vergünstigungen keine Rolle; auch ausländische Unternehmen können sich beteiligen. Die Prüfung der Investitionsplanungen soll beschleunigt werden. Zur Auszahlung der Prämien stehen Budgetmittel bereit. In Algier wurde dazu erklärt: "Wer zuerst kommt, hat die größten Aussichten, hohe Ausrüstungsprämien zu erhalten. Später werden sie geringer sein." Natürlich ist gegenwärtig auch das Risiko größer...

Man wünscht vor allem die Ansiedlung von verarbeitenden Industrien, die viele Arbeitskräfte benötigen. Letztere sind ohne Zweifel in Algerien billig. Die Gefahr eines raschen Steigens des Lohnniveaus besteht bis auf weiteres nicht, da Arbeitskraft überreichlich vorhanden, ist.

Die Industrialisierung Algeriens setzt seine Versorgung mit billiger Energie voraus. Der gesamte Energiebedarf des Landes, auch wenn er sich in den nächsten Jahren verdreifacht oder verfünffacht, konnte durch die Naturgasreserven von Hassi R’Mell gedeckt werden. Aber die Ausbeutung und der Transport dieser ungeheuren Gasreserven (rd. 2000 Mrd. cbm) ist nur rentabel, wenn mindestens das Fünffache des algerischen Bedarfs verkauft werden kann. In Algier und Paris gibt man offen zu, daß dieses Problem nur auf europäischer Ebene gelöst werden kann. Es ist aber dringend, weil die Industrialisierung Algeriens die Lieferung des Naturgases voraussetzt.