Von einem Hamburger Prozeß, bei dem eine dunkle Vergangenheit wieder lebendig wurde / Von Ruth Herrmann

Am Morgen des zweiten Verhandlungstages im Beleidigungsprozeß des ehemaligen Fallschirmgenerals Ramcke gegen den Schriftsteller Erich Kuby, Verfasser des Hörbildes "Nur noch rauchende Trümmer, das Ende der Festung Brest" erhob sich der Bernhard Ramcke – wer ihm nicht gedient, ihn nicht gefürchtet noch gelesen oder gehört hat, könnte ihn für einen pensionierten Postbeamten halten – und erklärte zum Abschluß seiner Vernehmung als Nebenkläger: "Ich fühle mich durch das Hörspiel zutiefst in meiner soldatischen und menschlichen Ehre gekränkt."

Etliche Zuhörer im Saal hatten sich auf ihrem morgendlichen Weg zum Gericht die soeben erschienene Nummer 8 der ZEIT gekauft, und, wahrend sie auf den Beginn der Verhandlung warteten, auf der ersten Seite gelesen, wieviel weniger Sorge sich Ramcke um die Ehre eines anderen Menschen als um die eigene macht.

Dort nämlich war ein Brief abgedruckt, den Ramcke der Redaktion geschickt hatte. In diesem Brief behauptet er allen Ernstes, der Bundestagspräsident Dr. Gerstenmaier sei solange dem Verdacht ausgesetzt, mit der Gestapo zusammengearbeitet zu haben, als er nicht erkläre, warum er noch am Leben sei – obwohl er doch als Widerstandskämpfer vor dem Volksgerichtshof angeklagt gewesen sei.

Über die Frage, ob die Ehre Ramckes durch Kubys Hörspiel beleidigt wurde, ist bisher vier lange Tage verhandelt worden. Zu welchem Ergebnis das Gericht kommen wird, ist zur Stunde noch ungewiß.

Als überaus mühselig erwies sich die Beschäftigung mit der Ehre eines Hitler ergebenen Generals, eines Mannes, der den ersten Teil seiner Memoiren mit dem Spruch abschloß: Ohne Kampf kein Sieg, über Gräber vorwärts!

In die Verhältnisse von Brest übertragen konnte für den mit dem Oberkommando über die Festung betrauten General Ramcke "vorwärts" nur noch heißen "nicht zurück". "Die Ernennung Ramckes", so etwa heißt es in Kubys Hörbild, "bedeutete den Tod von Brest und von 10000 deutschen Soldaten."