Von René Drommert

Als in der ZEIT versucht wurde, die Situation der deutschen Germanistik zu analysieren, wurde die Frage laut: Was beabsichtigen die damit eigentlich? Als wir einmal zu bedenken gaben, ob nicht Gefahr bestehe, daß aus der akademischen Würde des Doktortitels abgegriffene Münze für Personalchefs und Snobs werde, setzten wir uns dem Verdacht aus, von "antiakademischen Ressentiments" erfüllt zu sein. Gewiß sind es immer nur wenige, die, mißtrauisch gegen Gründe, sich auf die Jagd nach "Hintergründen" begeben. Für sie nur sei es gesagt: Dieser Artikel fixiert nicht "eine neue theologische Linie" der ZEIT, sondern Gedanken eines ihrer Mitarbeiter, die uns anregend genug erschienen, Zustimmung auszulösen oder Widerspruch – die wir aus diesem Grund und ohne "Hintergründe" veröffentlichen.

Im Mittelpunkt des Weltalls die Erde, und auf ihr als Haupt- und Prunkstück der Mensch: Wir wissen seit Kopernikus und Galilei, daß diese Vorstellung falsch ist. Längst haben Astronomie, Mathematik und Physik neue Größenordnungen aufgerichtet. Erschreckend groß ist das Weltall, erschreckend klein und verloren die Erde.

Das wissen wir. Das haben Wissenschafter ermittelt und für uns so plausibel gemacht, daß wir ihnen "glauben" müssen. Wir finden keine Gegenargumente. Seit über 300 Jahren wissen wir, daßdas Weltall nicht anthropozentrisch oder geozentrisch ist. Aber dieses Wissen ist, um einen Begriff des Philosophen Johannes Volkelt (1848–1930) zu gebrauchen, nicht gefühlsmäßig geworden. In unserem Lebens- und Weltgefühl sind wir immer noch verhältnismäßig anthropozentrisch. Der gestirnte Himmel über uns ist immer noch die malerische Kulisse unseres Lebens und unserer Geschichte. Er bietet mancherlei Ziele und Orientierungspunkte unserer poetischen und metaphysischen Bedürfnisse, unserer Schwärmerei und unserer Inbrunst.

Das kosmische Wissen ist nicht durchweg gefühlsmäßig geworden. Wissen, und Gefühl existieren nebeneinander, oft in so großer Entfernung, daß sie nicht einmal in Widerstreit miteinander geraten. Nur hier und da (und zumeist erst neuerdings) vernichtet das Wissen, das klar, hart und scharf konturiert ist, das Gefühl. Zum-Beispiel schert der Mond aus dem romantischen Bereich aus. Astrophysik, Raumschiffahrt, Konkurrenzkampf der Nationen, Machtpolitik und, militärische Erwägungen bestimmen mehr und mehr seine Position.

Es ist heute nicht mehr so leicht wie zu Goethes Zeiten, den Mond zum dialogischen Partner seiner Gefühlsregungen zu machen. Unsere Imagination "Mond" wird nüchterner, konkreter, aber auch subtiler – und dabei vielleicht gar nicht einmal weniger "wunderbar".

Trennung von Gefühl und Wissen findet auch im religiösen Bereich statt. Zwar finden wir, daß die religiösen Theologie, umsichtig, aufgeschlossen und lebensanpassungsfähig, wie sie vielfach ist, seit Galileis Zeiten durch Veränderung kosmischen Vorstellungen nicht mehr in Verlegenheit zu bringen ist, zumal sie auch eine geozentrische Auffassung nicht vertreten eine wenigstens nicht ausdrücklich. Dennoch "drohen" auch für die Theologie neue Fragen.