A. d. F., Rom, Ende Februar

Unter dem Titel "Die Geschichte eines fehlgeschlagenen Staatsstreiches" hat die große, in Mailand erscheinende Illustrierte Europeo die Hintergründe jener dramatischen Phase der soeben überwundenen italienischen Regierungskrise enthüllt. Dieser durch andere Darstellungen bestätigte Bericht zeigt, in welcher Gefahr sich die Demokratie südlich der Alpen in der ersten Februarwoche befunden hat. Beinahe hätte in Italien ein von den Linksradikalen stark beeinflußtes Regime das Ruder ergriffen. Und diese Entwicklung hätte dann möglicherweise zu einem für den freien Westen gefährlichen Neutralismus geführt.

"Der Schatten von de Gaulle senkte sich auf das italienische Parlament schreibt Europeo. Bisher habe man immer gedacht, nur ein General könne einen Staatsstreich planen. In Italien gibt es aber keine militärische Persönlichkeit wie de Gaulle. Darüber beruhigt, hätten die Italiener ganz übersehen, daß auch ein "starker Mann" in Zivil gefährlich werden könne. Damit war der linkskatholische Staatspräsident Giovanni Gronchi gemeint.

Ihm wird heute vorgeworfen, er habe seine von der Verfassung nicht genau definierten Befugnisse zu dem Versuch benutzt, das Parlament vorzeitig aufzulösen und in einem für die führerlose, uneinige, aber zum Regieren in Italien unentbehrliche Democrazia Cristiana äußerst ungünstigen Moment Neuwahlen anzusetzen. Gronchis Spekulation richtete sich auf einen kräftigen Stimmengewinn der Linkssozialisten, die vor allein die auseinanderfallende sozialdemokratische Partei beerben und vielleicht auch den Kommunisten und den christlichen Demokraten etwas abzwacken könnten. Bei einer solchen Kräfteverschiebung wäre die Democrazia Cristiana, die ihrem Wesen nach eine Partei der Mitte ist, zur "Öffnung nach links" gezwungen worden.

Gronchi wollte Nenni in den Sattel helfen – nichts anderes bedeutete seine Forderung nach "Einbeziehung der Arbeiterklasse in das politische Leben". Schon seit Jahren hat Gronchi den stark kommunistisch beeinflußten Linkssozialisten immer wieder ein demokratisches Patent ausgestellt.

Als am Abend des 3. Februar der Staatsrundfunk die Nachricht verbreitete, Gronchi habe das Rücktrittsgesuch Fanfanis, der auch als Parteiführer demissioniert hatte, zurückgewiesen und ihn aufgefordert, sich dem Parlament für ein Vertrauensvotum zu stellen, spürten nur wenige die akute Gefahr. Die Aufmerksamkeit der meisten Italiener war auf das Schlager-Festival von San Remo gerichtet. In römischen politischen Kreisen aber herrschte größte Nervosität – wie im September 1943, beim plötzlichen Wechsel Italiens vom Verbündeten Hitlers auf die Seite der Alliierten. Gronchi wollte sich – das war allen klar – ein Alibi für die von seinem Duzfreund Nenni gewünschte Parlamentsauflösung verschaffen.

Die Aufforderung an Fanfani, vor das Parlament zu treten, hätte nämlich entweder infolge des Abschwenkens des mit Nenni sympathisierenden linken Flügels der im Kabinett Fanfani mitregierenden Sozialdemokraten zu einer offenen Niederlage geführt, oder Fanfani wäre trotz der erbitterten Opposition der Rechtskatholiken gegen seine Regierung durchgekommen. Dann hätte das unwürdige Spiel, das zur Krise führte, wieder von vorne angefangen.