J. K. Paris, Ende Februar

Der Europäische Wirtschaftsrat in Paris (OEEC) unterhält ein Organ für die Koordinierung der Wirtschafts- und Finanzpolitik der Mitgliedstaaten. Von ihm hat die Öffentlichkeit bisher wenig oder nichts gehört; vor allem weil es nur ein- oder zweimal im Jahr zusammentrat und seine Beratungen geheimblieben. Wenn jeweils einige Wochen später in einem Mitgliedstaat ein Diskontsatz verändert oder eine wirtschaftspolitische Maßnahme getroffen wurde, so war das oft das Resultat dieser Beratungen; man versteht, daß es oft nicht geraten war, derartigen Vorentscheidungen eine größere Publizität zu verleihen.

Dieses Organ, im OEEC-Jargon "Gruppe 19" genannt, soll nun öfters zusammentreten. In ihm vertreten sind die Fachleiter in den Wirtschafts- und Finanzministerien der Mitgliedstaaten, also Leute, die ihre Probleme genau kennen und zudem das Gehör ihrer Minister haben. Die OEEC ist der Ansicht, daß diesem Organ in Zukunft ein verstärkter Aufgabenbereich zufallen wird. Sie drückt dies in ihrem zehnten Jahresbericht freimütiger aus, als man dies von ihren früheren Berichten gewohnt war.

Die OEEC glaubt, daß der wilde Expansionsdrang, der die Periode 1953 bis 1957 kennzeichnete, der Vergangenheit angehört, daß die gegenwärtige Konjunkturabschwächung ohne größeren Schaden überwunden werden kann und für eine "gesunde" Wirtschaftsexpansion frei ist.

Organisch, sei dies durch eine bessere Koordinierung der Wirtschaft- und Finanzpolitik der Mitgliedstaaten zu erreichen; denn durch die Einführung der äußeren Konvertibilität sei eine Maschinerie in Gang gesetzt worden, die einer dauernden scharfen Überwachung bedürfe. "Seitensprünge" seien in einem solchen System nicht mehr erlaubt, da sie sehr rasch zu Zahlungsbilanz-Schwierigkeiten der schwachen Staaten führen würden. Andererseits seien die Voraussetzungen für eine gemäßigte Expansion der europäischen Wirtschaft insofern gegeben, als die Zahlungsbilanz zen der meisten Mitgliedstaaten sich gebessert, die Währungsreserven zugenommen hätten, der Preisdruck nachgelassen habe und genügende Kapazitätsreserven zur Befriedigung einer normalen Nachfrageerhöhung bestünden. Die Dollarsorgen Europas seien verschwunden. Der Bericht schätzt die Gold- und Devisenreserven der OEEC-Staaten auf 18,3 Mrd. Dollar Ende 1958 gegen 15,0 Mrd. Dollar Ende 1957. Auch das Problem der westdeutschen Überschüsse habe viel von seiner Schärfe verloren..

Der Bericht empfiehlt zum erstenmal Maßnahmen zur Nachfragesteigerung zur Überwindung der gegenwärtigen Recession. Diese Empfehlung ist an die währungsstarken Staaten gerichtet, Für ein Land wie Frankreich gilt dagegen der Hinweis, daß die Entwicklung der inneren Nachfrage einer scharfen Kontrolle zu unterziehen und ein Nachfrageüberhang sofort und energischer, als dies in den letzten Jahren oft geschah, zu unterbinden sei.