Von Walter Jens

Wer heute noch einmal den Namen Kafka ausspricht, zahlt eine Mark ..." Dieser Satz wurde vor drei oder vier Jahren auf einer Tagung der Gruppe 47 zum geflügelten Wort. Die apodiktische Forderung erwies sich als notwendig. Nachdem jeder Kritiker seine Ausführungen zu dem jeweils Gelesenen mit dem stereotypen Satz einzuleiten pflegte: "Auch Herr X. ist selbstverständlich ohne Kafka nicht zu denken", drohte der allgemeine Wahnsinn auszubrechen, und nur ein striktes Schweigeverbot konnte noch helfen.

Heute, vier Jahre später, ist die Situation nicht viel anders. Wenn ein junger Autor zu schreiben beginnt, gilt es nach wie vor als selbstverständlich, bei der ersten Rezension die Manen Kafkas zu beschwören. Während der Glorienschein, aus Schlagwort-Flitter geflochten, immer heller wird, beginnt sich die Gestalt des Dichters schon im Dunkel zu verlieren, und die Wahrheit verbirgt ihr Gesicht hinter dem Rankenwerk der Legende.

Auf der anderen Seite erhebt sich der Streit: "Wo endet Kafka? Wo beginnt Max Brod?"

Die Musterung des einzigen, im Marbacher Schiller-Archiv zur Verfügung stehenden Original-Textes (es handelt sich dabei um die Skizze "Der Dorfschullehrer") hat alte Befürchtungen wieder wach werden lassen. Die Untersuchung dieser kleinen Geschichte, ihre Publikation durch Fritz Martini (im Jahrbuch der Schiller-Gesellschaft 1958) schien die Kassandra-Rufe Friedrich Beissners, Gerhard Kaisers, Hermann Uyttersprots nur allzu deutlich zu bestätigen.

Zwei neue und gewichtige Analysen, Wilhelm Emrichs monumentale Interpretation und Klaus Wagenbachs scharfsinnig-exakte Darstellung der Kafkaschen Jugendjahre, gossen indes Öl auf die Wogen. Es darf heute wieder angenommen Verden, daß der Text selber, abgesehen von Fragen der Orthographie und Interpunktion, im wesentlichen authentisch ist. Nur eine genaue Aufführung aller erreichbaren Parallel-Szenen kann ein Urteil über die vielfach geäußerte Vermutung erlauben, wonach die von Brod gegebene Gliederung der Romane eher auf den Herausgeber als auf Kafka zurückgeht.

Jetzt wurde die große Kafka-Ausgabe zunächst einmal abgeschlossen mit dem Band