Seit einigen Wochen erregen Gespräche zwischen den Fluggesellschaften der EWG-Staaten Aufmerksamkeit. Air France, Alitalia, Deutsche Lufthansa, KLM (Niederlande) und SABENA (Belgien) wollen ihre Flugpläne und ihre Fluggerätersatzteilwartung auf einen gemeinsamen Nenner bringen; ferner soll der Wirrwarr der zweiseitigen Luftverkehrsabkommen eine Klärung unter EWG-Sicht finden. Kontaktgespräche auf "Vorsitzenden-Ebene" wurden in Paris und Brüssel bereits geführt und werden in den nächsten Tagen in Brüssel fortgesetzt.

Die Kommentare lauten etwa so: "Europair" soll ein Zusammenschluß gegen angloamerikanische und russische Konkurrenz sein und eine "Eurocontrol", d. h. eine gesamteuropäische Flugsicherung herbeiführen. Auch wollen sich die "Europäer" generell auf die Bestellung einer oder zweier Düsentypen einigen. So die Amerikaner. Nach Ansicht französischer und englischer Luftfahrtkreise zeigen die Gespräche folgende Tendenz: KLM und SABENA sind im EWG-Rahmen daran interessiert, ihre Verkehrsanteile zu halten. Alitalia und Lufthansa wollen ihre Anteile vergrößern und Air France, als mächtigste der "EWG-Gesellschaften", will sich ihren Anteil am Europa-Geschäft, das sich durch die Zusammenschlüsse heben, könnte, nicht beschneiden lassen. Gegenüber den Amerikanern hingegen will die Air France im Bunde mit den "Europäern" den Marktanteil erweitern. In der Frontstellung gegen die US-Gesellschaften trifft sie sich besonders mit der KLM. Im übrigen hält die Air France besonders durch Abkommen mit der britischer staatlichen BEA (British European Airways) Kontakte zum Nicht-EWG-Europa. Die Engländer glauben, daß der "EWG-Luftfahrtblock" in nichts anderem bestehen wird, als in einem Pool für Überholungs- und Personalerleichterungen auf den hauptsächlichsten Flughäfen und in der Koordination der Flugpläne.

Eine "europäische Luftfahrtintegration" stößt also auf die vielfältigsten, z. T. widerstreitenden Interessen. SAS schloß mit der Schweizer Swissair im vorigen Oktober ein Bündnis, ein technisches und Fluggerätaustauschabkommen, da beide Gesellschaften schon lange eine sehr verwandte Flugzeugkaufplanung hatten (Douglas- und Convair-Typen). Die "EWG-Gesellschaften" hingegen besitzen voneinander sehr abweichende Muster. Für diese Typenvielfalt einen generellen Nenner zu finden, wird nicht einfach sein.

Der Gedanke einer gesamteuropäischen Luftfahrplanung ist nicht neu. Er entstand 1932, während international bereits 1919 durch Gründung des Dachverbandes IATA (International Air Transport Association) der Linienflugunternehmen der Anfang gemacht wurde. 1936 bildeten die Amerikaner ihre leistungsfähige ATA (Air Transport Association), während 1957 die Außenminister der EWG-Staaten eine Verkehrsintegration vorsahen.

Auch in Osteuropa scheint sich ein Luftfahrtpool zwischen den Comecon (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe, östliches Gegenstück der OEEC) -Ländern anzubahnen. Dieser scheint, zumindest verglichen mit der westeuropäischen Problematik, bessere Aussichten zu haben, da die Comecon-Fluggesellschaften (inkl. der Ost-"Lufthansa") ähnlich wie die sowjetische Monstregesellschaft Aeroflot fast nur "Li"-, "IL"-, Kolbenmotor- und "Tupolew"-Düsenflugzeuge einsetzen.

K.-H. K.