Der Norddeutsche Lloyd, Bremen, legt jetzt mit einiger Verspätung seinen Abschluß für das Geschäftsjahr 1957 vor. Das Ergebnis, das von Direktor Dr. Johs. Kulenkampff ebenfalls wie schon das von 1956 als ein "anomal gutes" bezeichnet wurde, wie es seit Jahrzehnten für die deutsche Schiffahrt nicht dagewesen ist, findet seinen Ausdruck in der vorgeschlagenen Ausschüttung eines Bonus von 4 v. H. für das auf 18 Mill. DM umgestellte Aktienkapital und in einer weiteren Erhöhung der gesetzlichen Rücklage um 1 Mill. DM. Mit dem Bonus ist der Norddeutsche Lloyd zum ersten Male seit 28 Jahren wieder in der Lage, das Vertrauen seiner Aktionäre zu honorieren. Die Erhöhung der gesetzlichen Rücklage auf 4 Mill. DM bringt diese auf etwas mehr als 10 v. H. des inzwischen auf 34,98 Mill. DM erhöhten Grundkapitals.

Die beiden guten Jahre 1956 und 1957 hatte der Norddeutsche Lloyd auch bitter nötig. Nach dem Wiederaufbau der Flotte auf jetzt 40 Frachtschiffe mit zusammen etwas 327 600 Tragfähigkeitstonnen heißt es jetzt, das Geschaffene zu konsolidieren. Diese Aufgabe wird noch erhebliche Anstrengungen kosten. Daß die aufgezeigte Konsolidierung schon gute Fortschritte gemacht hat, ist an dem Abbaù der Finanzschulden von 211,11 auf 196,29 Mill. DM abzulesen. Immerhin steht dieser Betrag noch in einem starken Mißverhältnis zu den eigenen Mitteln von 39,07 Mill. DM. Ende 1938 hatten zum Vergleich die Finanzschulden des Norddeutschen Lloyd 58 Mill. RM betragen, denen eigene Mittel in Höhe von 80 Mill. RM gegenüberstanden. Dieser Vergleich illustriert gleichermaßen die Wettbewerbsnachteile gegenüber dem Ausland in einer ungünstigen Konjunktur, wie auf der anderen Seite die Notwendigkeit, wieder feste Fundamente zu bekommen.

Die "räume Brise", mit der der Norddeutsche Lloyd wie die gesamte deutsche Schiffahrt in den Jahren 1956 und 1957 noch segeln konnte, ist gewichen; seit 1958 herrscht eine allgemeine Flaute. Die rückläufige Konjunktur in der Weltschiffahrt wird sicher ihren Niederschlag im Geschäftsbericht des Norddeutschen Lloyd für 1958 finden, den Direktor Dr. Johs. Kulenkampff für den Sommer dieses Jahres ankündigte.

Die Flotte des Norddeutschen Lloyd und seiner Töchter (die Roland-Linie Schiffahrtsgesellschaft mbH. und die Orlanda Reederei GmbH, wurden am 30. 12. 1958 mit dem Norddeutschen Lloyd fusioniert) steht in der zusammengefaßten Bilanz mit 206,88 (196,89) Mill. DM, das Anlagevermögen insgesamt mit 246,62 (229,99) Mill. DM zu Buch. Zieht man von den Seeschiffswerten die 30 Mill. DM für das Engagement mit der neuen "Bremen" ab, so ergibt sich für die am Bilanzstichtag rund 300 000 tdw umfassende frachtfahrende Flotte ein Buchwert von 186 Mill. DM – das entspricht etwa 620 (1956:690) DM pro Tragfähigkeitstonne bei einem Durchschnittsalter von fünfeinhalb Jahren. Der Anschaffungswert der 37 in dieser Flotte enthaltenen Einheiten beträgt rund 334 Mill. DM oder etwa 1100 DM pro tdw. Trotz des Abbaues liegt der Buchwert noch immer um etwa das Fünffache über dem ausländischen von 100 bis 150 DM pro tdw. Für das zum Teil bereits abgewickelte Neubauprogramm ergab sich per 31. 12. 1957 ein Finanzierungsbedarf von 48 Mill. DM bei einer Gesamtinvestition von 106 Mill. DM.

In der konsolidierten Gewinn- und Verlustrechnung für 1957 bleibt bei einem Reederei- Ergebnis von 55,77 (69,71) Mill. DM nach Abzug von 7,78 (3,65) Mill. DM Handlungsunkosten 3,65 (4,87) Mill. DM Zinsaufwendungen und 38,19 (35,66) Mill. DM Abschreibungen ein Gewinn von 0,72 (9,56) Mill. DM. Das ausgewiesene Reederei-Ergebnis spiegelt allerdings den wahren Ertrag nicht wider. Berücksichtigt man die vorweg verrechneten Abschreibungen bzw. Wertberichtigungen, so übertrifft das Reederei-Ergebnis im Berichtsjahr das von 1956 noch um rund 2,6 Mill. DM und liegt mit rund 74 Mill. DM nur um 3 Mill. DM unter dem der Hamburg-Amerika Linie, die über mehr Tonnage verfügt und neben den gemeinsam mit dem Lloyd unterhaltenen Gemeinschaftsdiensten zusätzlich zwei lukrative Einzeldienste unterhält.

Das Passagiermotorschiff "Berlin" (18 600 BRT) ist am 2. Februar dieses Jahres durch Verschmelzung der Bremen-Amerika Linie mit dem Norddeutschen Lloyd formell übernommen worden. Die neue "Bremen" wird auf die Bremer Nordatlantikdienst GmbH, übertragen, die Schuldner der Fremdmittel wird und für deren Rechnung das Schiff unter der Flagge des Norddeutschen Lloyd laufen wird. Die Erwerbskosten von rund 30 Mill. DM und die mit etwa 65 Mill DM geschätzten Umbaukosten werden in Höhe von 30 Mill. DM durch einen langfristigen Hypothekar-Kredit und mit 38 Mill. DM durch langfristige Bundesdarlehen finanziert. Die restlichen 27 Mill. DM sowie die mit 3,5 Mill. DM geschätzten Erstausrüstungskosten werden vom Norddeutschen Lloyd aufgebracht. (HV. am 12. März) Sml.