Der Hamburger Lichtbildner Herbert List nimmt in der modernen europäischen Photographie einen wichtigen Platz ein. Es ist sein Verdienst, daß er den heute gang und gäbe gewordenen Photo-Surrealismus um Jahre vorwegnahm. Man sah von ihm schon 1925 Bilder, in denen die Realität verwandelt erschien. Er machte das Magische im nüchternsten Gegenstand spürbar, etwa in einem Stuhl, einer Bierflasche, einem unbemannten Fahrrad.

List verläßt heute wiederum als einer der ersten die allzu breit gewordene Straße des "surrealistischen" Photographierens, um neue Horizonte anzuvisieren. Wir möchten die bedeutsame, von ihm nun aufgegebene Art (die ihn zum Freund und "Leibphotographen" Picassos, de Chiricos und Braques’ werden ließ) als eine Phase gleichsam dekorativer Statik bezeichnen. Seinen heutigen, zweifellos aus den Erfahrungen des vorigen entwickelten Stils könnte man einen Impressionismus ohne Zufall nennen.

Denn das Element, das List sich – und damit der modernen Photokunst – wieder erschloß, ist die unwillkürliche Bewegtheit. Das setzt natürlich voraus, daß der Photograph mit "denkendem Auge" arbeitet. Die sogenannte Momentphotographie, früher ein leicht mißachteter Begriff (so wie heute von den Professionals das Blitzlicht nach Möglichkeit vermieden wird), wurde von-List zu neuen Ehren gebracht.

Der Psychologe in List erfaßt das Wesen der Erscheinungswelt im verräterischsten Augenblick. Seine Kunst, die Auslösung der "Bilderfalle" in jener Zehntelsekunde zu tätigen, da das Objekt sich völlig preisgibt, ist, unseres Erachtens, bisher ohne Beispiel geblieben. Begreiflich, daß auf dieser Basis die Kunst des epischen Photographierens gedeihen mußte. Und ein Bilderepos ganz eigener Art ist der Bilderband

Herbert List: "Caribia"; Rowohlt Verlag, Hamburg; 96 Kunstdrucktafeln, 20 S. Text, 22,80 DM.

Hier gelingt Herbert List eine umfassende Bestandsaufnahme. Die bleibenden Errungenschaften seiner statischen Phase mischen sich mit denen der impressionistischen. Der Ethnologe liest die innere und äußere. Geschichte der Antillen mit eben so viel Gewinn von den Bildern ab – wie der Botaniker die Flora, der Soziologe den Wirtschaftsstand und der Physiognomiker die Rassen- und Mischlingsschicksale der Inselbevölkerung.

Die Aufnahmen zeigen hauptsächlich Jamaika, Haiti und Martinique. Sie bleiben – jedes für sich und alle zusammen – immer Kunstwerk, obschon ihnen die Gewichtigkeit des Dokumentarischen eignet.