Zweimal geschossen: mit der Pistole und mit der Kamera

G.Z., Karlsruhe

Im Karlsruher Schloßgarten erschoß der Bundeswehr-Stabsarzt Dr. Ulrich Brach einen 50jährigen Buchbindermeister, der die 12jährige Tochter des Arztes in unsittlicher Weise belästigt hatte. Der Stabsarzt hatte zweimal in die Luft geschossen, ehe er den Buchbinder mit dem dritten Schuß tödlich traf.

Das Drama spielte sich an einer Parkmauer ab, über die der Exhibitionist fliehen wollte, um sich der Festnahme zu entziehen. Einziger Zeuge war ein 17jähriger Oberschüler, den der Arzt zu Hilfe gerufen hatte, um den Buchbindermeister zum nächsten Polizeirevier zu bringen.

Bis zur Abgabe der Schüsse war alles korrekt vor sich gegangen. Der Bundeswehrarzt, in Zivil, hatte dem Manne erklärt: "Sie sind vorläufig festgenommen." Er wollte ihn zum Revier bringen. Dazu war er nach den gesetzlichen Bestimmungen nicht nur berechtigt, sondern sogar verpflichtet. Der Staatsbürger ist gehalten, Funktionen der Ordnungshüter zu übernehmen, wenn er Zeuge eines Verbrechens oder Vergehens wird. Nur eine Schußwaffe darf er dabei nicht gebrauchen, auch wenn er einen Waffenschein in der Brieftasche trägt. Das ist der Polizei vorbehalten. Für die Bundeswehr gibt es hier keine Sonderbestimmungen.

An der Schloßparkmauer

Soweit könnte die Sache also dem Staatsanwalt überlassen werden. Aber es geschah noch mehr. Wenige Tage nach dem tödlichen Schuß wiederholte sich nämlich das Schauspiel an der Schloßparkmauer. Nur daß diesmal kein Mensch verblutend am Boden lag. Der Reporter einer Illustrierten versuchte, die Szene naturgetreu nachzustellen – und der Herr Stabsarzt führte Regie. Die 12jährige Tochter und ihre gleichaltrige Freundin – beide waren von dem Exhibitionisten belästigt worden – wirkten mit. Auch Stabsarzt Brach ließ sich photographieren, allerdings nur bescheiden von hinten.