Der neuen Regierung Segni, unter dem Stern des Kompromisses geboren, wird im allgemeinen kein allzu langes Leben vorausgesagt. Aber, so fragt sich Indro Montanelli, der unseren Lesern wohlbekannte brillante italienische Journalist, haben die Propheten diese Rechnung nicht gemacht, ohne die wirklich ganz außergewöhnliche Eignung des neuen Ministerpräsidenten für den Fernsehschirm zu bedenken?

Wird es Segni wohl gelingen, die Regierung zusammenzuhalten, so wurde ich immer wieder in diesen Tagen gefragt. Und in jeder Frage schwang eine gewisse Sympathie für den neuen Ministerpräsidenten mit. Alle, die etwas von Politik verstehen, sind zwar durch, die Bank mit der neuen Regierung unzufrieden und haben Segni nur als das kleinste Übel akzeptiert, das große Publikum hingegen hat seine Ernennung günstig aufgenommen.

Diese weitverbreitete Zuneigung stützt sich vor allem auf die absolut unrationale und ungerechtfertigte Überzeugung, daß Segni niemanden vor unbequeme Alternativen stellen werde, daß er ohne fest vorgezeichnetes Programm regieren und lieber abdanken würde, als den anderen zur Last zu fallen.

Diese Seelenlage der Masse ist um so erstaunlicher, als es Segni war, der seinerzeit Italien die große Agrarordnung bescherte, die einschneidendste Sozialreform der Nachkriegszeit. Damals glaubten alle Leute, in Segni einen Mann der Linken erkennen zu müssen und einen Gegner des Status quo. Und was die mutmaßliche Dauer seiner Regierung anbetrifft, so hatte man ihm auch damals nur einige Wochen gegeben, dabei war es ihm, nach dem Tode de Gasperis, gelungen, länger im Amt zu bleiben als irgendeine andere Nachkriegsregierung, nämlich 22 Monate.

Trotzdem dies alles erst drei Jahre zurückliegt, erinnert sich augenblicklich kein Mensch mehr daran, denn ... Segnis Gesicht flößt allen das größte Vertrauen ein. Segni ist immer außerordentlich sorgfältig, ja mit unauffälliger Eleganz gekleidet. Sein schwarzer Mantel mit dem weißen Schal läßt einen Frack darunter vermuten. Sein Gesicht ist schmal, aber nicht asketisch. Die wenigen Photographien, die ihn kniend in der Kirche zeigen, beleidigen die antiklerikalen Gefühle von niemand, man erkennt vielmehr seinen aufrichtigen Glauben, der fern jedem Exhibitionismus ist.

Es kann schon möglich sein, sagen die Leute daß sein Herz für die Linke schlägt, aber sein Gesicht ist uns Garantie, daß er sich nie anderer als legaler demokratischer Mittel bedienen wird. Es kann schon sein, daß er an beunruhigende Reformen und neue Regierungsprogramme denkt, aber sein Auftreten ist das eines Gentleman der alten Schule und sein Gesicht... In Italien hat man immer großen Wert auf Gesichter gelegt.

Wenn wir an die vergangenen Größen unserer Geschichte denken, dann erinnern wir uns ihrer meist als Bronze- oder Marmorstatuen; was sie gesagt oder getan haben, interessiert uns wenig, Hauptsache wir wissen, wie sie ausgesehen haben. Das Risorgimento besteht für uns aus drei Gesichtern: Viktor Emanuel, der Vater des Vaterlandes, Cavour und Garibaldi. Für uns Italiener ist es viel leichter, die Geschichte in ihren Schnurrbärten oder Stirnlocken vor uns zu haben als in ihren Ideen. Wir brauchen nicht Geschichte zu lernen, es reicht, sie anzusehen.