Von Josef Müller-Marein

Das Bild ist unvergeßlich: Fünf Brüder Ullstein – die berühmten, ja schon legendären Fünf – anmutig-feierlich um einen Tisch gruppiert, Ruhe und Würde ausstrahlend; auf den ganz unterschiedlichen Gesichtern auch wieder viel Familienähnlichkeit; kluge Köpfe, denen der Ausdruck "Es ist erreicht" fremd war, sondern denen die melancholische Milde der Humanität innewohnte.

Einer der so repräsentativ und zugleich so echt Dargestellten, der vierte Bruder Ullstein, genannt U 4, hat soeben als der einzig Überlebende seinen 85. Geburtstag gefeiert – am 26. Februar, in Berlin, seiner Vaterstadt, wo er vor fast sieben Jahren den Ullstein-Verlag wieder eröffnete. Auf jenem Bilde war Rudolf Ullstein, Chef der Druckerei und Oberhaupt aller technischen Obliegenheiten, in der Runde von U 1 bis U 5 derjenige, der am stärksten Biederkeit und Gesundheit ausstrahlte. Er war der prominente Handwerker des Hauses und übrigens ein leidenschaftlicher Sportsmann, der sich in den politischen Redaktionen des Verlages nicht sehen ließ, dafür aber um so lieber in den Räumen, wo die Sportberichterstatter hausten.

Das große, immer noch höchst moderne Druckhaus der Ullsteins in Berlin-Tempelhof, Rudolfs eigenste Wirkungsstätte, schickt seit fast sieben Jahren wieder die "Morgenpost" täglich in hoher Auflage heraus und eine abgehandelte Form der "BZ" (der "Berliner Zeitung am Mittag"). Das Werk des Wiederaufbaus ist geglückt. Aber Rudolf Ullstein, der Patriarch des Hauses, das wieder 4500 Menschen beschäftigt (gegenüber 12 000 der guten, alten Ullstein-Zeit), wird in diesen Tagen wehmütig an das Stammhaus in der Kochstraße zurückdenken, an das zerstörte Zeitungsviertel, wo in unmittelbarer Nähe die Konkurrenz wohnte, der Scherl- und der Mosse-Verlag.

Er ist wohl der einzige, der letzte Zeuge, der die Entwicklung der großen Berliner Zeitungstradition miterlebt und eine lebendige Erinnerung bewahrt hat an die genialen Gründergestalten und Prototypen der Gründerjahre, an seinen Vater Leopold und wohl auch an dessen Konkurrenten August Scherl, den man hier erwähnen muß, um einen wichtigen Unterschied deutlich zu machen.

Scherl war aus dem Rheinland nach Berlin gekommen, strebsam, kaisertreu und konservativ, über allem aber auf Gewinn bedacht und Meister von Methoden, die gleichsam amerikanische Züge trugen. Leopold Ullstein aber, der große Liberale, der aus dem bayerischen Fürth stammte, wo er Papiergroßhändler gewesen war, ihn interessierte vor allem der Einfluß auf die Geister der Zeitgenossen, also die Politik und dann erst das Geschäft.. Es ist keine Frage, daß von den beiden genialenZeitungsgründern der Jude Ullstein der "deutschere" Typ war, falls sich das Wort "deutsch" steigern läßt.

Übrigens tauchte Scherl wie ein Komet aus dem Dunkel auf und verglühte, worauf dann Hugenberg das Haus vergrößerte und mit der Angliederung des UFA-Film-Unternehmens zu einem gigantischen Betrieb ausbaute, dem sogar noch im "Dritten Reich" gewisse Freiheiten blieben. Leopold Ullstein jedoch schuf eine gleichsam stilreine Tradition, den "Ullstein-Geist", der sogar dann noch zu spüren war, als der nationalsozialistische Eher-Konzern den Verlag gewaltsam geschluckt hatte. Es gab infolgedessen viele alte Redaktions- und Verlagsangehörige, die stets nur vom "Ullstein-Haus" sprachen und sich nie des neuen Namens "Deutscher Verlag" bedienten. Sie waren denn auch mehr als glücklich, als nach langen schwierigen und wohl auch intrigenreichen Verhandlungen um die Wiedergutmachungsansprüche der letzte Sohn des alten Ullstein, U 4, aus England heimkehrte und das Wagnis übernahm, an eine neue Zukunft Berlins zu glauben.