Von Marioll Gräfin Dönhoff

Nun hat also das so beliebte Gesellschaftsspiel – an allen abendlichen Kaminen und Stammtischen bis zum Überdruß geübt – ein Ende. Das Frage-Spiel: "Wen würden Sie denn zum Bundespräsidenten machen?"

Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard ist von den Führungsspitzen der CDU/CSU am Dienstagabend als Nachfolger von Theodor Heuss vorgeschlagen worden. Dieser Vorschlag ist nicht etwa wie man doch eigentlich annehmen sollte, von langer Hand vorbereitet, sondern wie irgendeine parteitaktische, zweitrangige Entscheidung einfach improvisiert worden. Noch zu Beginn der vierstündigen Sitzung, die das Ergebnis: Ludwig Erhard zeitigte, diskutierte man den schleswigholsteinischen Ministerpräsidenten Kai Uwe von Hassell als Kandidaten. Und erst am Tage zuvor hatte Dr. Heinrich Krone, Fraktionsvorsitzender der CDU, auf die Kandidatur verzichtet. Der einzige, der von dieser Wendung nichts wußte, mit dem die ganze Frage nicht beraten wurde und der die Nominierung Erhards, nicht etwa durch den Kanzler, sondern durch einen Korrespondenten erfuhr, ist der amtierende Bundespräsident.

Monatelang hatte man Zeit gehabt, reifliche Überlegungen anzustellen – schließlich handelte es sich ja um die Besetzung des höchsten Amtes in unserem Staate – aber diese Monate wurden schlecht genutzt. Sie wurden vertan mit gelegentlichen Einfällen: "Warum überhaupt ein Politiker? Ein Professor, der niemanden ärgert, ist doch viel besser." Oder mit albernen konfessionellen Rechenkunststücken: "Nein, der ist nicht möglich, weil er katholisch ist, und dann müßte ja der nächste Kanzler Protestant sein, das würde doch bedeuten, daß Konrad Adenauer 1961 nicht wieder kandidieren kann."

Da hatte es die SPD sehr viel besser. Sie konnte nämlich derweil das tun, was man in solchen Fällen zu tun pflegt, sie nominierte ihren besten Mann: Carlo Schmid, der so viel Autorität ausstrahlt. Und sie tat dies vor Wochen. Als es nun wirklich nicht mehr länger ging und auch die CDU/CSU am 24. Februar zur entscheidenden Sitzung zusammentrat, da kam dann schließlich peu à peu ein Argument zum andern: Um Carlo Schmid auszustechen, so hieß es, da braucht es schon den bewährten Bundeswirtschaftsminister. Viele Konfessionsarithmetiker befriedigte sein evangelisches Gesangbuch und gewisse Kreise der Industrie die Aussicht, den "allzu freien Marktwirtschaftler" durch eine kartellfreundlichere Persönlichkeit ersetzen zu können. Und so kam denn zur größten Überraschung der Öffentlichkeit am Ende das heraus, was bis dahin eigentlich niemand ernsthaft erwartet hatte, die Nominierung Ludwig Erhards.

Nicht daß irgend jemand daran zweifelte, daß Erhard ein hervorragender Bundespräsident wäre, aber schließlich ist er der Vizekanzler, also der Mann, der bestimmt ist, den Bundeskanzler einmal zu ersetzen. "Was kommt nach Adenauer?" Wie oft wird im Ausland diese bange Frage gestellt; die einzige befriedigende Antwort darauf lautet: Ludwig Erhard, weil er, der den Aufbau der deutschen Wirtschaft leitete, die beste Gewähr für Kontinuität zu bieten scheint.

Noch hat Erhard nicht zugestimmt, aber wenn man bedenkt wieviel Ärger ihm erspart bleiben wird, wenn er seinen bisherigen Posten verläßt – Ärger mit der Industrie und wohl auch mit seinem Regierungschef –, dann mag es durchaus möglich sein, daß er, der Aktive und Unermüdliche, bereit ist, den Stuhl des Wirtschaftsministers mit dem des Präsidenten zu vertauschen.