Erhöhte Einkommen für Arbeitnehmer durch gesteigerte Sparquoten – Neue Wendung der Lohndiskussion

Von Erwin Topf

Im folgenden Beitrag unternimmt es der Autor, einer abgegriffenen Formel den Todesstoß zu versetzen: der Forderung, die Löhne sollten – und könnten – sich im Gleichschritt mit der Produktivität bewegen. Im Anschluß an eine kürzliche Tagung der "Deutschen Volkswirtschaftlichen Gesellschaft" in Essen und an ein dort von Prof. Bombach gehaltenes Referat über "Lohnpolitik und Wirtschaftswachstum" untersucht der Verfasser die Frage, welche neuen Maßstäbe der Lohnpolitik nun zur Verfügung stehen. Entscheidend für die Möglichkeit einer Lohnerhöhung ist nach diesen Überlegungen vor allem die Verhaltensweise der Sparer. Diese Folgerung führt zu Erkenntnissen, die gegenwärtig auch konjunkturpolitische Bedeutung haben.

In unserer schnellebigen Zeit verschleißen auch wirtschaftspolitische Sentenzen, rasch. Ein Beispiel dafür bietet der Satz, wonach Lohnsteigerungen nur dann ohne inflatorischen Effekt vorgenommen werden können, wenn sie im Rahmen des Produktivitätszuwachses bleiben. Mit dieser Formel glaubte man den Stein der Weisen für die Lohnpolitik gefunden zu haben; jedenfalls ist sie, einige Jahre hindurch, häufig und nachdrücklich zitiert worden. Es wurde jedoch je länger je deutlicher, daß ihr Erkenntniswert gering, ihre praktische Anwendbarkeit überhaupt nicht gegeben ist.

Unbrauchbare Lohn-Formel

Warum ist das so? Zunächst einmal: man hat immer wieder unterlassen, darauf hinzuweisen, daß jene Sentenz nur bedingt gilt, nämlich nur dann, wenn sich das Verhältnis zwischen der Lohnquote und der Selbstfinanzierungsquote nicht ändert. Es ist denkbar, daß der Unternehmensgewinn – im weitesten Sinne, also einschließlich der Selbstfinanzierung – relativ sinkt: dann kann natürlich die Lohnquote relativ steigen, und zwar auch über den Produktivitätszuwachs hinaus. Andererseits aber muß auch das nicht zwangsläufig eintreten, weil eine weitere Möglichkeit besteht, und sich mitunter auch praktisch durchsetzt: nämlich die Möglichkeit, das Produktivitätsplus "an die Abnehmer weiterzugeben", die Erzeugnisse also zu verbilligen.

Damit sind wir bereits mitten in der Problematik, die sich bei jedem Versuch ergibt, die praktische Lohnpolitik an "dem" Zuwachs der Arbeitsproduktivität zu orientieren. Daß dergleichen nicht branchenweise geschehen kann, weil dann die Löhne in den einzelnen Wirtschaftsgruppen und Industriezweigen sich sehr schnell auseinanderstaffeln würden, ist inzwischen Allgemein gut geworden. Es bliebe also, wenn man an dem alten Theorem der Lohnanpassung an die Produktivität festhalten möchte, nur die andere Möglichkeit, nämlich die Orientierung am gesamtwirtschaftlichen Produktionsplus: für Industrie, Handwerk, Landwirtschaft und alle Arten von Dienstleistungen einschließlich des Handels, des Bankwesens, des Gaststättengewerbes und der öffentlichen Verwaltung zusammengenommen. Jeder Versuch freilich, hier die Produktivitätsleistung je Kopf exakt zu ermitteln, stößt ins Leere, weil ja bei allen "Diensten" nicht die naturale Leistung zu ermitteln ist, sondern deren effektiver "Lohn" oder "Sold", die Honorare und Gagen, Und wie man auch verfahren möge, um diese Problematik auszuklammern: jeder Durchschnittswert für das Plus an Arbeitsproduktivität, als Richtschnur für die allgemeine Lohnentwicklung akzeptiert, birgt die doppelte Gefahr in sich, daß er die Wirtschaftszweige mit unterdurchschnittlichem Produktivitätsplus überfordert, und daß er es den am anderen Ende der Skala stehenden Branchen mit überdurchschnittlich großem Zuwachs an Arbeitsproduktivität nicht erlaubt, ihre Löhne so festzusetzen, daß die Lohnsätze für qualifizierte Facharbeiter hinreichend anziehungskräftig sind.