Soziologie der Banken

R. N., London

Von den 34 Ministern der britischen Regierung sind nicht weniger als 11 in Eton erzogen worden. 25 studierten in Oxford (18) oder Cambridge, und 18 gehören dem Carlton Club an, der im Laufe der Jahrhunderte als Refugium der Aristokraten zum Allerheiligsten der Tories geworden ist und deshalb dafür bürgt, daß die dramatis personae des konservativen Regimes sich in ihren politischen Entscheidungen stark an Brauch und Präzedenzfällen orientieren.

Ähnliche Charakteristiken zeigen die "Etnographie" der Londoner City und damit das soziale Milieu der britischen Finanzkreise. Wie eine vom Manchester Guardian veröffentlichte Untersuchung der volkswirtschaftlichen Abteilung der Universität Manchester zu bedenken gibt, rühren die vielfältigen Beziehungen, durch welche die "top decision makers" – die Männer, welche die wichtigsten Beschlüsse fassen – des Bank und, Versicherungswesens eng miteinander verbunden sind, keineswegs nur von unmittelbaren Erfordernissen des Geschäftslebens her. Ihre erst kürzlich noch vom sogenannten Parker Tribunal erneut aufgedeckte und für kontinentale Verhältnisse recht ungewöhnliche "Informalität" gründet sich meist ebenfalls auf eine Gemeinsamkeit des sozialen Hintergrundes.

Man macht den britischen Public Schools oft zum Vorwurf, daß sie eher auf die Herausbildung eines Typs als auf die Entwicklung des Individuums abzielen, und bezeichnenderweise sind von den 18 Direktoren der Bank of England nicht weniger als zwölf in den sechs exklusivsten dieser Public Schools (davon sechs in Eton) erzogen worden; von den 148 Direktoren der fünf großen Depositenbanken ("Big Five") nicht weniger als 71 bzw. 44 und von den 107 Direktoren der 14 größten Handelsbanken und Diskonthäuser nicht weniger als 46 bzw. 35. Soweit sie Universitäten besuchten, studierten sie vorwiegend in Oxford oder Cambridge; meistens sind sie auch wieder durch Mitgliedschaft in den prominenten Klubs miteinander verbunden, überwiegend im Carlton Club, im Athenaeum, im Reform Club, bei White’s und Brooks’s.

Darüber hinaus bestehen weitverzweigte Beziehungen verwandtschaftlicher Art. Denn wie es beispielsweise Tradition ist, daß einige merchant bankers Direktoren der Notenbank werden oder daß Führungspositionen in bestimmten City-Firmen sich vom Vater auf den Sohn vererben, so ist es auch Tradition, daß Bankier-Familien untereinander heiraten. Und überraschenderweise bestehen solche Verwandtschaftsverbindungen fort, obschon Größenordnung und Natur des Bankengeschäftes, wie ja auch die Organisation der Industrie, sich über die vergangenen Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg stetig gewandelt haben und die Tendenz daher bereits seit langem dahin geht, die Unternehmensleitung von der Familienbasis zu lösen.

Ähnlich der Gemeinsamkeit von Geschäftsinteressen und sozialem Hintergrund wirken Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den "top decision makers" der City allerdings durchaus nicht immer nur als vereinigende Kraft, Unter gewissen Umständen können sie gleichzeitig zu Sprengfaktoren werden oder jedenfalls doch in Loyalitäts- und Treue-Konflikte hineinführen, doch, scheint man der vielfältigen Probleme, die so und überhaupt aus der Tatsache entstehen, daß unter dem gegenwärtigen Arrangement vielen dieser "decision makers" mehrere soziale Rollen zugleich zufallen – als Glied eines Verwandtschaftssystems, als Mitglied eines oder mehrerer Unternehmungsvorstände und als Mitglied verschiedener Klubs – bisher noch immer einigermaßen Herr geworden zu sein. Wie der Gouverneur der Bank von England, Mr. Cameron Cobbold, vor dem genannten Parker Tribunal aussagte, ergeben sich im Bankgeschäft nahezu täglich Situationen, in denen ein Bankier der Versuchung widerstehen muß, vertrauliche Informationen über die Angelegenheiten eines Kunden zum Vorteile seiner Bank zu nutzen.