Die Zeitung der Mängelrüge

R. N. London, Ende Februar

Je vielfältiger und reichhaltiger das Angebot an Gebrauchsgütern und Dienstleistungen und je extravaganter die Werbung, desto mehr, bedarf der verwirrte Käufer einer unabhängigen Beratung. Das ist insbesondere dort notwendig, wo er aus Unkenntnis der technischen Vorgänge beispielsweise einen Kühlschrank bestenfalls nach Äußerlichkeiten zu beurteilen vermag oder wo er bestimmte Dinge, wiederum vor allem "durables", zu selten durch Neuanschaffungen ersetzt, als daß er aus eigenen Fehlgriffen hätte lernen können. Er ist jedem dankbar, der ihm mit fachlichem und uneigennützigem Urteil sagt, diese oder jene Waschmaschine habe sich in eingehenden Prüfungen als die funktionstüchtigste oder preiswerteste aller am Markte angebotenen erwiesen, Zahnpasten seien nur in Preis und Ausstattung, nicht aber in der Qualität unterschiedlich, mit der Maschenfestigkeit von Nylonstrümpfen der verschiedenen Marken verhalte es sich bei systematischer Erprobung so und so. Gäbe es keine Verleumdungsgesetze und könnten solche Testberichte und Empfehlungen an jedem Zeitungsstand aufliegen, dann würde heutzutage hier in England wohl niemand mehr größere Käufe vornehmen, ohne zuvor "Which?" befragt zu haben.

Immerhin zählt die vor eineinhalb Jahren in London zum Zwecke solcher uneigennützigen Verbraucherberatung entstandene Consumers’ Association Ltd. bereits mehr als 110 000 Mitglieder. Ihr unter der Fragestellung "Which?" vierteljährlich herauskommendes Organ ist trotz erzwungener Beschränkung auf "Vereinsinterne Zirkulation" in der Auflage also bereits recht flott gediehen. Wer jährlich 6 DM für die Lektüre dieser Zeitschrift auszulegen bereit ist, der gehört zwar meist zu den ohnehin schon selektiven, d. h. preis- und qualitätsempfindlichen (und dabei im wesentlichen wohl mittelständischen) Käufern. Das gilt übrigens auch für die Gefolgschaft des Consumer Advisory Council der es sich als Ableger des britischen Normeninstituts angelegen sein läßt, die Tauglichkeit von Gebrauchsgütern aller Art an den in einem Gütezeichen des Instituts verbürgten Mindeststandards zu messen und die Ergebnisse in der auf gleicher Subskriptionsbasis verteilten "Shoppers-Guide" zu veröffentlichen. Ähnlich sind die Erfahrungen der vor 23 Jahren in den USA gegründeten und inzwischen bei 850 000 Mitgliedern angelangten Consumers’ Union".

Nichtsdestoweniger hat "Which?" mit seinen Tests – sie reichen von Aspirin und Sonnenbrillen bis zu Wärmflaschen und Fruchtsäften, von Bettlaken und Bügeleisen bis zu Schlankheitsmitteln und Zahnbürsten, von Personenwagen und elektrischen Kochherden bis zu Fleischkonserven und den Geschäftsbedingungen von Hypothekenbanken, Kfz-Versicherungen, Kundenkreditinstituten. Reinigungsanstalten und Fahrschulen – schon manchen Fabrikanten zum eiligen Eingehen auf gerügte Mängel veranlaßt. Denn wenn es diesem Test auch noch nicht gelungen ist, die breite Masse der Konsumenten zu mobilisieren, so zählt er zu seinen eifrigen Lesern doch auch die Einkäufer des Handels.