Durch eine Unachtsamkeit der Moskauer Zensur ist jetzt ein höchst interessanter Zwischenfall auf dem XXI. Parteitag bekanntgeworden. In der Vormittagssitzung vom 4. Februar hatte der neue sowjetische Staatssicherheitschef Nikolai Schelepin eine Rede gehalten, in der die beider! folgenden Sätze vorkamen: "Es ist jetzt jedem klar, wie gefährlich die Tätigkeit der parteifeindlichen Gruppe war. Diese Leute haben sich so benommen wie die Trotzkisten und die Rechten."

Die Drohung, die in diesen Sätzen lag, war deutlich. Da die "Trotzkisten und die Rechten" in den Moskauer Prozessen von 1936 bis 1938 zum Tode verurteilt worden sind, war es unverkennbar, daß Schelepin sich zu jener scharfen Richtung bekannte, die dieses Schicksal auch den Mitgliedern der "parteifeindlichen Gruppe" bereiten wollte.

Der Korrespondent der italienischen KP-Zeitung Unità kabelte die Schelepin-Rede samt den beiden aufschlußreichen Sätzen nach Rom, wo sie am 6. Februar veröffentlicht wurde. In der Wiedergabe der Rede, die am 5. Februar in der Prawda erschien, fehlten jedoch interessanterweise die Drohungen Scheiepins. Offensichtlich waren sie der Führung zu "scharf" erschienen.

Das Eingreifen des Prawda-Zensors bestätigt die These verschiedener westlicher Sowjetexperten, wonach in der Moskauer Führung gegenwärtig ein Tauziehen um die Frage im Gange ist, was mit den Mitgliedern der "parteifeindlichen Gruppe" geschehen solle. W.L.