r. g., Ravensburg

Zwischen den beiden südwürttembergischen Städten Ravensburg und Weingarten führen Schiene und Straße nebeneinander her – aber man kann nicht sagen, daß sie das friedlich getan haben. Vor allem in den letzten zwei Jahren haben sich hier zahlreiche Zusammenstöße zwischen Straßen- und Schienenfahrzeugen ereignet, bei denen ein Mensch ums Leben gekommen ist und viele verletzt worden sind. Der Grund: Die schmale Bundesstraße 30 schmiegt sich so dicht an die seit 1938 von der Bundesbahn betriebene Straßenbahnlinie Ravensburg – Weingarten – Baienfurt heran, daß sich in den Kurven die Profile der Bundesstraßenbahn und der Lastzüge überschneiden.

Um die Straßenbahn ist seit einigen Jahren ein heftiges Tauziehen im Gange, bei dem die Bundesbahn zwar das Terrain, aber keine Freunde gewonnen hat. Der Rationalisierung und der Sicherheit wegen hat die Bundesbahn den veralteten und gefährlichen Straßenbahnbetrieb auf Omnibusse umgestellt. Ihre Gegner sind zwar nicht müßig gewesen, sie haben aber doch nicht verhindern können, daß die Bundesbahn am 23. Februar die Omnibusse gewissermaßen durch die Hintertür einführte.

Die Gegner – das sind die Leute, die in der ausrangierten Straßenbahn gesessen haben, die seit 1887 zwischen Ravensburg und Weingarten mit Dampf und seit 1911 elektrisch zwischen Ravensburg und Baienfurt hin- und herzuckelten. Und dagegen sind sie, weil sie befürchten, daß sie der Autobusfahrschein erheblich mehr kosten wird als das Straßenbahnbillett. Sie können dabei auf den Ravensburger Stadtomnibusverkehr verweisen, wo die Strecke Ravensburg–Eschach fast zweieinhalbmal so teuer ist wie die gleichlange Straßenbahnstrecke Ravensburg–Baienfurt.

Die Bundesbahn ist so ehrlich, wie sie es von ihren Fahrgästen verlangt: Man werde die Erhöhung der Tarife ins Auge fassen müssen, sagte vor kurzem der Präsident der Stuttgarter Bundesbahndirektion, Hagner. Aber diese Erhöhung wäre auch bei der Beibehaltung des Schienenbetriebs nicht zu umgehen gewesen...

Unbeirrt von der Auseinandersetzung mit ihren Fahrgästen (und deren Interessenvertretern) hatte die Bundesbahn im Oktober vergangenen Jahres die letzte Bataille eröffnet: Sie zog der Straßenbahn die Bremsen an. Die über fünfzig Jahre alten Waggons durften seit 13. Oktober nur noch mit einer Geschwindigkeit von 10 statt vordem 25 Stundenkilometern fahren. Einige Spottvögel veranlaßte das, die grünen Wagen mit Plakaten zu behängen, auf denen eine Schnecke abgebildet war: „Vorsicht, bewegt sich!“

Bei solcher Geschwindigkeit, sofern das Wort erlaubt ist, war die Einhaltung des Fahrplans nicht möglich, und der zeitliche Abstand im Wagenverkehr vergrößerte sich von 10 auf 20 Minuten. Die Fahrplanlücken aber wurden durch Autobusse überbrückt, die ihre Gäste zum alten Fahrpreis beförderten. Und dann stellte die Bundesbahn die baden-württembergische Landesregierung vor die Alternative: Entweder möge das Land den Differenzbetrag von 1,97 Mill. Mark zwischen den Kosten eines Autobusbetriebes und den höheren Kosten einer verkehrssicheren Führung der Straßenbahnstrecke tragen – oder der völligen Umstellung auf Autobusse zustimmen.