Goethe hat wohl doch recht: „Die Zeiten der Vergangenheit sind uns ein Buch mit sieben Siegeln...“ In der Tat – „von der Parteien Haß und Gunst verzerrt“ schwanken die Bilder der Ereignisse in der Geschichte, und ein jeder bricht sie noch durchs Prisma seiner eigenen Vorurteile. So aber wird, was Faktum war, zum Mythos oder Schreckgespenst – je nachdem. Zum Beispiel: die Zabern-Affäre von 1913.

Bei jener Affäre, so schrieb Alfred Kantorowicz in unserer letzten Ausgabe, hatte im Elsaß ein preußischer Offizier einen Zivilisten erschossen. Das freilich ist der Zabern-Mythos, wie ihn die politische Linke pflegen mag, und keineswegs das historische Faktum Zabern. Der Verfasser unserer Bildunterschrift nun (eingestanden sei es und bedauert) – er ist dem Mythos „aufgesessen“ und hat ihn mit seiner Behauptung, der junge Leutnant von Forstner habe „Kopfpreise“ ausgesetzt „für jeden getöteten Elsässer“, noch ins Groteske verzerrt. In Wahrheit jedoch – und viele unserer Leser haben uns darauf hingewiesen – hat sich die Zabern-Affäre ganz anders zugetragen: Ohne Mord und ohne Totschlag.

In einer Instruktionsstunde nämlich hatte der Leutnant von Forstner seinen Rekruten erklärt, sie sollten sich nicht mit elsässischen Zivilisten auf Händel einlassen. Wenn sie angegriffen würden, sollten sie die „Wackes“ zusammenschlagen. Der Ausdruck „Wackes“ allerdings, den sich die Elsässer allenfalls von ihren rechtsrheinischen allemannischen Stammesgenossen gefallen ließen, war im Munde eines „Preußen“ unverzeihlich – ebenso wie Forstners Bemerkung, er werde jedem Rekruten, der sein Rezept befolge, zehn Mark geben (ein Unteroffizier wollte noch zwei oder drei Mark dazulegen).

Die aufgebrachten Zaberner protestierten gegen diese Äußerungen und bewarfen Offiziere mit Steinen. Da die Zivilverwaltung nicht einschritt, ließ der Regimentskommandeur Oberst von Reuter (nicht Gündell, der sein Nachfolger wurde) den Schloßplatz gewaltsam räumen und 27 Zaberner festnehmen. Es gab einen Skandal, und im Dezember 1913 mißbilligte der Reichstag mit 293 Stimmen aller Parteien gegen 54 konservative Stimmen die Haltung des Reichskanzlers Bethmann-Hollweg in dieser Angelegenheit (es war das erste Mißtrauensvotum gegen einen amtierenden deutschen Reichskanzler). In dem vom Kriegsminister angestrengten Verfahren gegen Reuter und Forstner wurde der Oberst freigesprochen, der Leutnant zu Arrest verurteilt. Beide Offiziere wurden versetzt; Forstner fiel 1915 an der Ostfront (auf unserem Bilde war im übrigen nicht er, sondern der Regimentsadjutant zu sehen).

Die Zabern-Affäre bleibt, beurteilt man sie nüchtern, ein böser und unentschuldbarer Akt angemaßter Selbstjustiz der Militärs. Aber so blutig, wie Alfred Kantorowicz sie beschrieb, war sie nicht. Nicht der Geist der Zeiten spiegelte sich in seiner Darstellung, sondern sein eigener – und in der Bildunterschrift der irregeleitete ZEIT-Geist. DZ