Die Nachricht von dem geplanten Abschluß eines Importabkommens der Baummwollindustrien der EWG-Partnerstaaten ist nur auf dem makabren Hintergrund des großen Sterbens im traditionellen britischen Baumwollzentrum Lancashire richtig zu verstehen. Dort haben von 1954 bis 1956 mehr als zweihundert baumwollverarbeitende Betriebe ihre Pforten schließen müssen. 1957 waren es 60 Unternehmen und schließlich mußten in wachsendem Tempo immer größere und bekanntere Firmen, darunter Weltnamen – in jeder Woche des Jahres 1958 zwei – kapitulieren. Das bedeutete für 42 v. H. der Belegschaften den Gang zum Arbeitsamt. 30 v. H. der Webstühle und 23 v. H. der Spindeln liegen still.

Die Ursachen sind die neuen Fabriken von Hongkong über Kalkutta bis Alexandrien, die mit anomal niedrigen Löhnen und mit Staatshilfe das Kalkulationsgebäude auf der Insel aus den Angeln heben. Die kontinentalen Kollegen würden diesem Schicksal Lancashires auch nicht entgehen können, wenn dieser Entwicklung nicht ein Riegel vorgeschoben wird. Die Kontroverse zwischen Erhard und dem Verbandsvorsitzenden der Textilindustrie Neumann rührt nicht zuletzt auch aus dieser Problematik. Beschleunigt werden die Verhandlungen sicher auch aus der Sorge, daß die Bundesrepublik das "Loch" werden könnte, durch das künftig diese ruinösen Importe, über deren Gefahr sich auch der Textilbericht der OEEC deutlich ausspricht, einströmen würden. Die Mehrzahl der EWG-Partner sieht ihr sorgfältig durchdachtes und ausgefeiltes System des administrativen Protektionismus gefährdet. Wahrscheinlich wird z. B. Frankreich seine Einzeleinfuhrgenehmigungen auf dem Wege über das Office des Changes ab einem Fakturenwert von 200 000 frs. oder 1800 DM in einiger Zeit abbauen müssen, das bisher trotz angeblicher Automatik immer gerade so lange dauert, daß der saisongerechte Einkauf und die Disposition von modischen Stoffen versäumt wurde.

Auch der gemeinsame Außenzolltarif der EWG, der für diese Fälle einen spezifischen Gewichtsmindestsockel erhalten soll, auf dem dann der Wertzoll aufbaut, kann frühestens 1963 wirksam werden. In der Zwischenzeit ist es nach Ansicht der Beteiligten unbedingt erforderlich, eine Beschränkung durchzuführen, soweit nicht die Importe zum Re-Export nach Übersee bestimmt sind, also im Veredelungsverkehr erfolgen.

Man ist sich natürlich darüber klar, daß angesichts der veränderten Weltstruktur eine Schrumpfung der Kapazitäten, soweit sie zur Versorgung ehemaliger Kolonien und Überseegebiete errichtet wurden, unvermeidlich ist und strebt deshalb gleichzeitig ein System der Übergangshilfen in andere Branchen und eine Verschrottungshilfe in; auch eine Koordinierung der Produktionen und der Absatzwege ist in Aussicht genommen, womit vor allem kleineren Betrieben geholfen werden soll. Auf alle Fälle will man eine Wiederholung der Lancashire-Trägödie in den kontinentalen, politisch sehr viel empfindlicheren Industriegebieten vermeiden. Dr. phil. Volker Hamann (Deutsche Forschungsanstalt f. Lebensmittelchemie, München): Schutz unserer Nahrung; Herausgegeben vom Bundesausschuß f. volkswirtschaftliche Aufklärung e. V., Köln 1, Sachsenring 55, i.A. des Verbraucherausschusses f. Ernährungsfragen in der Schriftenreihe "Richtige Ernährung" als Heft 12. 80 S., künstl. Gestaltg. Andreas Obermeier, München, hergestellt im Hauchler-Drukhaus Stuttg.-Leinfelden, 0,60 DM.